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Klischees und ganze Kellerkerle

Landestheater Rendsburg Klischees und ganze Kellerkerle

Luftdicht zementierte Rollen-Klischees ziehen immer. 2002 machte der isländisch-deutsche Schriftsteller Kristof Magnusson aus diesem Topos ein clever gebautes Kammerspiel und eine der erfolgreichsten Boulevard-Komödien auf deutschen Bühnen. Jetzt hatte Männerhort im Landestheater Rendsburg Premiere.

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Spaß ganz unten: die vier Freunde (v. l.): Reiner Schleberger, Christian Simon, Stefan Hufschmidt und René Rollin.

Quelle: Marco Ehrhart

Rendsburg. Der alte Heizungskeller eines riesigen Einkaufszentrums dient drei gebeutelten Männern jeden Sonnabend als geheimer Zufluchtsort, während ihre Ehefrauen auf Shoppingtour gehen. Bei Bier, Pizza und Musik aus dem Kassettenrekorder sitzen Helmut, Eroll und Lars auf dem alten Sofa, schauen Fußball und lästern ungeniert über ihre konsumsüchtigen Gattinnen (klasse Bühnenbild: Xenia Hufschmidt).

Doch dann wird das Trio von Feuerwehrmann Mario ertappt, der das Schlupfloch aus Brandschutzgründen schließen will. Aber auch er lernt die die Vorzüge des frauenfreien Verstecks schließlich zu schätzen. Als die Anti-Einkaufsoase plötzlich aufzufliegen droht, ist der ganze Mann gefragt. Und der macht sich natürlich erst mal lächerlich.

Stefan Hufschmidt als väterlich-grantiger Pilot und Geheim-WG-Oberhaupt Helmut, Reiner Schleberger als kauziger Programmierer Eroll mit Woody-Allen-Touch, René Rollin als aufgekratzt-angeberischer Geschäftsmann Lars und schließlich Christian Simon als unsicherer, aber deswegen umso kratzbürstigerer Gernegroß Mario zeigen dabei eine tolle Show. Denn mit den Mitteln der Überzeichnung treibt Regisseur Patrick Schimanski seine Inszenierung an die Grenze der Revue. Das verstärkt die Fallhöhe, denn natürlich ist nicht jeder dieser harten Kellerkerle, das, was er zu sein vorgibt. Aber ein echter Mann zeigt keine Schwäche. Und so verstricken sich die Herren der Schöpfung zunehmend in Widersprüche, Notlügen und Streitereien.

Dazu gibt’s viel Musik. Doch ist sie bei Regisseur weniger Selbstzweck oder dramaturgische Starthilfe. Könnte man die eingespielten Bee-Gees-Heuler noch als etwas auffälligen Kommentar zum „Harte-Schale-weicher-Kern-Motiv“ bekritteln, setzen die von den Schauspielern im bemerkenswert schönem Satz-Gesang präsentierten Perlen wie Bill Withers Ain’t No Sunshine oder Song For Whoever von Beautiful South eben das entscheidende Ausrufezeichen. Ironisch, aber plausibel. Der unverbrüchliche Männerbund ist ein Mythos und wahre Harmonie gibt es eben nur auf einer höheren Ebene, jenseits aller bierseligen Kumpanei: im gemeinsamen Torjubel oder im Gesang. Aber welcher Kerl kann da überhaupt unterscheiden?

Weitere Vorstellungen: 19. Nov. (19.30 Uhr) Kl. Bühne Flensburg, 21. Nov. (19.30 Uhr) Kammerspiele Rendsburg, 29. Nov. (19 Uhr) Slesvighus Schleswig. www.sh-landestheater.de

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