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Altes Fieber im neuen Frack

Quartett Komplett im Schauspielhaus Altes Fieber im neuen Frack

„Fällt Ihnen was auf?“ Suggestivfrage. Die Kieler Pinguine melden sich zurück und läuten, um es lautmalerisch zu sagen, eine neue „Gwand anham-Ära“ ein. Wer „Guantanamera“ phonetikverliebt zerlegen kann, verschleißt auch Anzüge – bleibt sich aber im 28. Jahr seines Bestehens auch in neuem Gewand treu. Gesten alter Schule zu klanglicher Ehrerbietung von der Renaissance bis zur pointierten Weltrettung mit Tim Bendzko.

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Quartett Komplett alias (v. li.)Tim Krutein, Peter Horns, Carsten Haack und Matthias Busch: vier „Flitzpiepen“ zwischen Madrigal, Schlager und Punk in bewährter Bestform.

Quelle: bos: Björn Schaller

Kiel. „Koalitionsverhandlungen“ hätten ergeben, sich für weitere fünf gemeinsame Jahre zu verpflichten. Auch, wenn man sich bis auf den konstant schlanken Tenor Peter Horns (Applaus) nun im Reich der „Übergrößen“ und überraschender Ämter wiederfindet: Tim Krutein (Tenor, Gleichstellung und Minderheiten), Carsten Haack (Bariton, Publikumsbeziehungen) und Medienmann Matthias Busch (Bass).

 Der Opener What Saith My Dainty Darling? von Thomas Morley ist trotz Auftaktaufregung aus einem Guss. Dem Fallala und Frühlingsfrohlocken mit alter Musik folgt, wie könnte es bei diesen „vier Flitzpiepen“ (Buschi) anders sein: Punk! Neues Stück: Das alte Fieber der toten Hosen. „Und immer wieder sind es dieselben Lieder, die sich anfühlen, als würde die Zeit still stehen“. Fast ein Symbol für das Wesen des A-cappella-Gesangs, das sie seit anno 1988 mit einem Mix aus Demut, Witz und Dekonstruktion verkörpern. Dienst am Klang, Kunst der Beatbox plus Selbstironie mit glockenklaren Tenortüpfelchen. Eben noch Mägdelein, lass das Zagen, schon büxen die Frauen aus: Was machen die eigentlich, wenn sie nicht im Konzert der Gatten sind? Der BH steht bei ebay, neues Piercing über Nacht? „Das alles wäre nie passiert ohne Proseccoooh“. Neu und sehr norddeutsch, auhauerha.

 Doch „die Jungs“ verstehen es, nie platt zu werden, gekonnt zwischen Ohrwurm, verbalem Überraschungseffekt und intelligentem Understatement zu changieren. Sei es, sich zum Criminal Tango einen fiktiven Ausflug von Komponist Max Reger (dem Ansagen-Phantom des Abends) in die Taverne vorzustellen, sei es, mit Kompagnon Matthias Klein am Flügel Harry Frommermann und den Comedian Harmonists zu gedenken. Die kleine Frühlingsweise oder Guter Mond, du gehst so stille als Gänsehautgaranten und Tränenzieher.

 Später können sie mit dem bejubelten Go West (Pet Shop Boys) laut und hymnisch werden oder zu Bill Whithers’ Lovely Day ebenso rhythmikfreudig wie zu France Galls Zwei Apfelsinen im Haar stampfen und pumpen. Immer bilden Tim Kruteins phänomenale Knabenstimme, verstärkt von Peter Horns exaktem zweitem Tenor und Bass Buschi (souverän mit Händen in den Hosentaschen) die Klammer, Carsten Haack betört mit leicht kehlig-warmem Bariton. Zu den vielen Höhepunkten zählt der famose Reggae Bongo Song (Manu Chao) mit Buschis herrlich kühl runtergebetetem Jamaika-Englisch sowie ihrem neuen Version von Minnie the Moocher aus dem Film Blues Brothers zum Mitsingen. „Hidihidihidi-ho!“. What a show!

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