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Fäuste oder Messer?

„Räuber“-Kampfproben Fäuste oder Messer?

Es soll ordentlich zur Sache gehen auf der Bühne der Sommeroper „Die Räuber“ des Theaters Kiel. Bei den Kampfproben werden derzeit die Grundlagen dafür gelegt.

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Am Ende muss es echt aussehen: Die Schauspieler Rudi Hindenburg (v.re.) und Christian Kämpfer bei den Kampfproben mit Trainer Skarthe Sebelin.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. In der Salzhalle ist an diesem Probenmorgen alles eine Frage des Timings. „Schwinger. Block. Fassen“, kommen die Anweisungen von Kampftrainer Skarthe Sebelin. Trocken, pragmatisch. „Nein, nicht wie Bud Spencer – zielgerichtet, wie ein Krieger. Ja, genau!“ Christian Kämpfer wischt sich den Schweiß von der Stirn und greift nach der Wasserflasche. Rudi Hindenburg geht den Angriff nochmal durch. Als unversöhnliche Kontrahenten stehen sich die beiden Schauspieler im vierten Akt von Schillers Räuber gegenüber. Schweizer und Spiegelberg: der eine eher ein Idealist und Gefolgsmann von Bandenchef Karl Moor, der andere ein skrupelloser Zyniker, der nur allzu gern selbst den Boss geben würde.

„Schiller hat dem Stück ja die Action eingeschrieben“, sagt nach der Probe Daniel Karasek, der den Dramenerstling des damals 23-jährigen Friedrich Schiller als Rockoper zur Musik der Hamburger Band Kettcar auf die Open-Air-Bühne an der Schwentinemündung bringt. Eine wilde Geschichte in zwei Welten, um zwei verfeindete Brüder, einen enttäuschten Vater, unerfüllte Liebe und jugendliches Rebellentum – praller Bühnenstoff also. „Na klar, da steckt Gothic drin und Robin Hood“, sagt der Regie führende Generalintendant. „Fasziniert hat mich aber der Lebenskonflikt darunter. Moral gegen Egoismus. Die zwei Prinzipien von dem einen Räuber, der unter dem Deckmäntelchen der Revolution raubt und mordet, und von dem anderen, der kriminell wird, weil er für eine Idee kämpft.“

Auch zwei Mädchen dürfen mitkämpfen

Zeitlos nennt das jugendliche „Anti-Gefühl“ des Stücks, das einst als Initialzündung für die Sturm-und-Drang-Bewegung fungierte, auch Dramaturg Jens Paulsen, der den voluminösen Text zusammen mit Karasek bearbeitet hat. „Ein Steinbruch“, wie er sagt, voller Brüche und Ungereimtheiten, an dem sich der junge Schiller spürbar ausprobiert hat. „Schiller hat das ja sehr komplex, im zweiten Teil auch etwas verquast erzählt“, sagt Karasek. „Aber wir wollten ihn nicht neu schreiben. Wir sehen ihn eher als Assoziationsraum.“ In dem ist Platz für linke Romantik von Che Guevara bis RAF, aber auch für die Gotteskrieger, gerade weil sie einen Terrorismus betreiben, der sich jeglicher Romantisierung entzieht.

Dafür haben sie verknappt, auf spezielle historische Bezüge verzichtet, die Sprache ein bisschen ins Heute gebürstet. Und ein wenig an der Figur der Amalia, die Karl liebt und von Franz gewollt wird, geschraubt. Und überhaupt an Schillers heute nicht mehr ganz zeitgemäßem Frauenbild. „Amalia ist schwierig zu spielen“, sagen die Theatermacher, „aber durch die Musik bekommt sie mehr Gewicht, wird moderner und stärker.“ Und bei den Räubern dürfen mit Jennifer Böhm und Jessica Ohl auch zwei Mädchen mitspielen. Und kämpfen.

Auf der Bühne ist so eine Szene nach wenigen Minuten vorbei, der Weg dahin ist Präzisionsarbeit, reine Choreografie. Einfach zuschlagen reicht nicht; der Kampf hat etwas zu erzählen. Ehrenhafte Auseinandersetzung oder gemeiner Mord, Fäuste oder Messer, eiskalt oder theatralisch – das sind die Fragen, die das Team bewegen. „Ich sehe das als Kampfkunst“, sagt Sebelin, der normalerweise Polizisten trainiert, aber auch schon die Indoor-Variante von Romeo und Julia betreut hat, über die Arbeit im Theater. „In der Realität würde man das nie so machen. Da geht man viel direkter rein.“

In der Salzhalle gehen jetzt Christian Kämpfer und Rudi Hindenburg in die nächste Runde. Linker Haken, Tritt, Fallen, Pirouette, Tod. Nochmal und nochmal. Langsam fügen sich die Einzelteile zum Bewegungsfluss. „Da steckt viel Hass und Aggression drin“, sagt Karasek, und Skarthe Sebelin übersetzt: „Ein bisschen martialischer darf das ruhig noch werden ...“

Theater Kiel

Salzhalle am Seefischmarkt. 1. bis 17. Juli, jeweils 20.30 Uhr. Premiere und 2. Juli ausverkauft. Kartentel. 0431/901901, www.theater-kiel.de

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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