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Husum hat viele Gründe zum Feiern

Raritäten der Klaviermusik Husum hat viele Gründe zum Feiern

Die Konzertwoche mit Raritäten der Klaviermusik in Husum begeht gerade ihr 30-jähriges Bestehen. Immer in der zweiten Augusthälfte ist im „Schloss vor Husum“ Klaviermusik zu hören, die man in normalen Klavierabendprogrammen mit der Lupe sucht – und dennoch fast nie findet.

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Artem Yasynskyy besitzt den nötigen Zugriff und die variable Virtuosität.

Quelle: Michael Struck

Husum. Entdeckungen vergessener Schätze sind vorprogrammiert. Und da der künstlerische Leiter, der Berliner Pianist Peter Froundjian, auch bei der Auswahl raritätenkompetenter Pianisten 30 Jahre lang Erfahrung und Erkundungsmut erfolgreich verband, strömt eine weit über Deutschland hinaus raritätenfreudige Besucherschar in den Rittersaal. Dort herrscht hoher Anspruch: Raritäten sollen nicht freundlicherweise „irgendwie“ aufs Podium gehievt, sondern auf pianistisch bestmögliche Weise klanglich verlebendigt werden. Ein 2016 wieder vom Berliner Klaviertechniker Thomas Hübsch optimal betreuter Steinway bietet beste Voraussetzungen. Unter den internationalen Klavierfestivals ist die Husumer Raritätenwoche eine hinreißende Rarität!

2016 wird also kräftig und berechtigt gefeiert – mit 12 Konzerten in neun Tagen. Vier je einstündige Recitals von Nachwuchskünstlern unter dem Motto „Young Explorers“ bilden diesmal einen besonderen Schwerpunkt. Hinzu kommen zwei Matineen, eine vom Karlsruher Musikforscher Joachim Draheim kenntnisreich kuratierte Ausstellung zum 150. Geburtstag des Pianisten und Komponisten Ferruccio Busoni und die interaktive Ausstellung Faszination Klavierwelten.

Der Eröffnungs-Freitag brachte gleich zwei Konzerte, von denen vor allem das erste interpretatorisch betörte: Der englische Pianist Jonathan Plowright, eine feste Größe unter Husums Stammkünstlern, erwies sich im Zusammenspiel mit dem renommierten Szymanowski Quartett auch als fabelhafter Kammermusiker. (Drei Jahre lang hat die Art Mentor Foundation Lucerne dem Husumer Festival ja ermöglicht, kammermusikalisch über den tastensolistischen Tellerrand hinauszuschauen.) Die c-Moll-Klavierquintette von Ludomir Rózycki (1913/15) und Ignaz Friedmann (1918) verbinden jeweils Spätromantik mit vorsichtiger Modernität. Während Rózyckis Werk mit Inbrunst, jugendlichem Pathos und einem janacek-artigen Hang zum Wiederholen von Phrasen beeindruckte, erwies sich das Schwesterwerk Friedmans, der einer der führenden Pianisten des frühen 20. Jahrhunderts war, als noch facettenreicher: Griffige c-Moll-Thematik kippt im Kopfsatz kurz vor der Reprise in gespenstische Themenskelettierung um, wird im Seitenthema aber auch von Walzerschmelz à la Richard Strauss umspült. Der Variationen-Mittelsatz fesselt, und der Allegretto-Epilog fasst den Verlauf im Brennspiegel zusammen. Mit fantastischer Intensität brachten Plowright und das Szymanowski-Quartett diese fordernde Musik zum Leben – Raritäten-Genuss at its best. Im zweiten Konzert bot das Duo Grau/Schumacher an zwei Flügeln Busonis sonatenartig aufgebaute Folge von Bearbeitungen (Mozart) und Bach-Hommagen – ein musikalisch und konditionell strapaziöses Programm, das in der groß konzipierten Fantasia contrappuntistica von 1922 gipfelte – engagiert und kernig, teilweise aber auch recht alfreskohaft und mit kleinen Blindflecken gespielt.

Kurzkonzerte mit Nachwuchspianisten

Sonnabend und Sonntag gab es jeweils zwei einstündige Kurzkonzerte mit insgesamt vier Nachwuchspianisten unter dem Motto „Young Explorers“. Sonnabendnachmittag demonstrierte Florian Noack, dass er ein schönes Piano gestalten und innerhalb der rechten Hand Melodie und Figuration klanglich tiefenscharf differenzieren kann. Ja, Lyrisches war seine stärkere Seite, während obere Dynamikbereiche sich schnell verhärteten. Theodor Kirchners Nachtbilder op. 25 von 1877 schreiben Schumanns frühe Klaviersprache mit Einfalls- und Gefühlsreichtum fort. Noacks Spiel zeigte vor allem, wie schwer es ist, Kirchner gut zu spielen – das heißt: Zielbewusstsein, klanglich sensible Feinarbeit und atmende Gestaltung schlüssig zu verbinden. William Sterndale Bennetts Fantasie op. 16 – Schumann gewidmet, doch eher auf Mendelssohns fis-Moll-Fantasie reagierend – und Stephen Hellers aparte es-Moll-Tarantelle op. 61 profitierten (von kleinen Fehlstellen abgesehen) mehr von den Stärken Noacks, der es sich aber interpretatorisch insgesamt wohl doch etwas zu leicht machte. Schlüssig: zwei Ljapunow-Zugaben.

Betörende Klang- und Gestaltungsfantasie entfaltete abends der Engländer Simon Callaghan und wurde mit Recht bravolaut gefeiert. Jetzt begann der Steinway wieder zu singen, zu flüstern und unforciert zu deklamieren. Arnold Bax‘ Two Russian Tone-Pictures anglisieren und modernisieren Tonfälle eines Balakirew auf pikante Weise. Mit Roger Sacheverell Coke (1912–1972) lernte man einen selbst in England nahezu unbekannten Komponisten kennen. Dessen mehr als halbstündige 15 Variations & Finale op. 37 sind ein nobel-pathetisches, pianistisch reizvolles, formal ein wenig in die Breite gehendes Werk in der Rachmaninow-Nachfolge. Als Dessert servierte Callaghan Stephen Houghs farbige Bearbeitungen vier populärer Musical-Songs von Rodgers & Hammerstein und gleichsam zum Kaffee noch einmal Coke (drei der Préludes). Das war Husum, wie es sein soll.

Auch die beiden „Young-Explorers“-Konzerte am Sonntag brachten anregende Eindrücke. Der in Frankreich geborene, in Deutschland aufgewachsene Johann Blanchard spielte ein stilistisch fein abgestimmtes französisch fokussiertes Programm: Georges Bizets delikate Chants du Rhin, die von Mendelssohn, Schumann und Chopin inspiriert erscheinen, gestaltete er klangschön und agogisch flexibel, hätte freilich hier und in vier Stücken von Cécile Chaminade (die als Achtjährige Bizet hatte vorspielen dürfen) die Piano-Werte noch stärker ausreizen, sprich beachten können. Abschließend begegneten wir, durch Blanchards wortgewandte Moderation vorbereitet, in Georges Boskoff (1882–1960) einem völlig unbekannten frankophilen rumänischen Komponisten und in dessen Vers l’inaccessible und Valse romantique einer apart-melancholischen post-chopinesken Tonsprache: Entschiedener Beifall, zwei Zugaben!

„Moderner“ ging es abends im Recital des ukrainischen, seit 2015 in Bremen lehrenden Artem Yasynskyy zu. Er besitzt den nötigen Zugriff und die variable Virtuosität für vier Stücke des 1940 mit 29 Jahren gefallenen Jehan Alain, die in ihrer vielseitigen, nicht-mehr-tonalen Sprache bemerkenswertes Zukunftspotential in sich bargen. Erstaunlich klangradikal wirkt auch das Holiday Diary op. 5 des jungen Benjamin Britten, das Yasynskyy im letzten Satz mit der gebotenen meditativen Ruhe, sonst aber wohl noch kantiger spielte als 2011 an gleicher Stelle (ebenfalls überzeugend) Daniel Berman. Eine geistvolle, mit ostinaten Fingernagel-Glis­sandogeräuschen auf den Tasten und Klopfrhythmen auf dem Flügelholz sowie einzelnen leuchtenden Ton- und Klangimpulsen operierende Komposition ist La lumière n’a pas de bras pour ous porter des Franzosen Gérad Pesson. Sie schafft es, als Gedenkstück für einen verstorbenen Freund zugleich spielerisch heiter zu sein. Eine Mazurka ( op. 16/1) und die Charakterskizzen op. 40 des legendären Pianisten und Pianistenlehrers Josef Hofmann tanzten, schwebten und tobten in teilweise erstaunlich freier Bewegung unter Yasynskyys Händen auf der Zaunpforte, die Spätromantik und Moderne weniger trennt als verbindet. Da gab es viel Applaus und gern gewährte fünf Zugaben. So kann die Husumer Jubiläumswoche weitergehen!

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