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Köstliches Buffet zum Abschluss

Raritäten der Klaviermusik Köstliches Buffet zum Abschluss

„So viele Veranstaltungen wie nie zuvor“ bietet das Klavierfestival Raritäten der Klaviermusik zur Feier seines 30. Jahrganges im „Schloss vor Husum“. Deswegen erscheint die diesjährige Raritätenwoche hinsichtlich ihrer Konzert-Anzahl auch asymmetrisch gegliedert.

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Zlata Chochieva hat sich in den letzten Jahren internationale Konzertsäle erobert und bringt wirklich alles mit, was man braucht, um pianistisch Bewunderung zu erregen.

Quelle: Michael Struck

Husum. Die Hälfte der insgesamt zwölf Konzerte (darunter vier einstündige Kurzkonzerte mit dem pianistischen Nachwuchs) fand bereits in den ersten drei Raritätentagen statt (die KN berichteten). Der zweite Konzertblock, von dem hier die Rede sein soll, umfasste dann doppelt so viele Konzerttage, nämlich sechs.

Nach alttestamentarischer Vorstellung wurde die Welt ja in sechs göttlichen Tagen erschaffen, wovon die Bibel entsprechend sechsfältig kündet. Da machte es auch in Husum Sinn, dass am ersten Tag der sechsteiligen zweiten Raritätenhälfte, also am Montag, der manuell höchstbegabte süddeutsche Pianist Joseph Moog als Mittelpunkt seines heftig bejubelten Konzertes das legendäre Hexameron spielte. Das ist ein sechs Kapitel umfassendes Gemeinschaftswerk aus den späten 1830er Jahren, verfasst von sechs führenden europäischen Kompo-Pianisten, mit Variationen über ein Bellini-Thema. Beteiligt waren Franz Liszt (mit dem königlichen Löwenanteil aus Introduktion, Einkleidung des Themas, einer Variation, Überleitungen und Finale) sowie Sigismund Thalberg, Johann Peter Pixis, Henri Herz, Carl Czerny und Frédéric Chopin. Einige der Beiträger stopften so viel Virtuosität wie möglich in ihre eigene Variation. Die wirkt dann wie eine Variationswurst. Umso köstlicher schimmert das Juwel von Chopins stimmungsvoll-einheitlichem Variations-Nocturne. Alle avancierten Klavierteufeleien jener Zeit sind im Hexameron vereinigt, und so braucht man schon virtuose Allerkönnerhände und pianistische Zauberlaune, um es so zu spielen, wie es gespielt werden muss: mit Pathos, Eleganz, poetischem Schmelz und pianistischem Witz. Der 29-jährige Moog hat diese Hände und diese Zauberlaune. Und so hörte man – nicht zum ersten Mal in Husum, doch erstmals in virtuos-expressiver Unbedingtheit – diesen Pariser Virtuosenspiegel. Das war pianistisch phänomenal! Genial ist Haydns C-Dur-Fantasie Hob. XVII Nr. 4, die mit überraschenden Tonartwechseln und Bewegungsstopps sowie mit der „dialogischen“ Technik übergreifender Hände immer wieder an Beethoven denken lässt. Auch sie erhielt von Moog Witz und Vitalität, hätte aber – ähnlich wie Max Regers ganz anders geartete Träume am Kamin op. 143, die sich teils charmant, teils melancholisch Brahms-, Chopin-, Wagner und – jawohl! – Reger-Masken umbinden – mehr Pianoschattierungen vertragen können. Überhaupt kämpften die jüngeren Pianisten am ehesten mit dem begrenzten Raum des Rittersaals und verschenkten manche Chancen leiser Überzeugungskunst. Godowskys Symphonische Metamorphosen über Themen aus Strauß‘ Fledermaus gaben Moog nochmals Gelegenheit, seinen unbremsbar virtuosen Händen freien Auslauf zu lassen.

Ähnlich vielfältig, wenn auch weniger auf Virtuosität getrimmt ging es Dienstag bei Hubert Rutkowski zu. Polnische und (mit Beethovens eröffnender Polonaise op. 89 von 1814) polnisch inspirierte Musik bestimmte sein Programm. Wenn Rutkowskis Spiel mir auch eine Spur weniger konzentiert erschien als beim Auftritt 2012, konnte er doch immer wieder mit klanglichen Delikatessen (bis hin zu flüsterleisen Pianissimo-Graden), wieselflink absolvierten Doppelgriffpassagen, sonor flirtendem Kantabile und einer „historisch“ informierten freien Agogik bezaubern – am fesselndsten in Ignaz Paderewskis schmelzendem Nocturne op. 16/4. Hübsch waren und gelangen zuvor vier Stücke Theodor Leschetizkys (darunter zwei Hommagen an Czerny und Chopin). Höhepunkt des Abends war die Sonate des 21 Jahre jungen Witold Lutoslawski von 1934, vom Komponisten selbst später verworfen, doch aller Beachtung wert. Das rund halbstündiges Werk lässt zwar auf Vorbilder wie Ravel und Szymanowski schließen, die damals übrigens beide noch lebten. Aber es spricht eine eigene formbewusst-ausdrucksstarke, nicht so sehr post- als vielmehr neoromantischen Tonsprache, deren tonale Bereiche als formgliedernde Farbwerte wirken. Hier war Rutkowski ganz in seinem Element. Während sein schönes Klangbewusstsein zuvor manchmal in klangneutrale Phasen umgeschlagen war, wurde es nun zum treibenden Element einer ebenso überlegenen wie überlegten Interpretation, die anhaltend gefeiert wurde.

An dieser Stelle sei im Vorgriff kurz erwähnt, dass der abschließende Samstag ein Kontrastprogramm bot: Es gab für alle Besucher ein köstliches Buffet zum Abschluss der Jubiläumswoche. Und es gab zuvor ein interpretatorisch weniger köstliches vierhändiges Konzert mit Hélène Mercier und dem schon mehrfach erfolgreich in Husum aufgetretenen Cyprien Katsaris. Sie spielten vierhändig bearbeitete Schubert-Ländler, Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur op. 44 in Clara Schumanns vierhändigem Arrangement und Brahms‘ zweiklavierige f-Moll-Sonate op. 34b, die der Komponist später zum Klavierquintett op. 34 umarbeitete. Viererlei bleibt festzuhalten: Erstens: Zwei Pianisten ergeben, wie ein Fachbesucher treffend feststellte, noch kein Duo. Zweitens: Katsaris‘ Fingernägel klapperten auf den Tasten noch störender als bei früheren Gelegenheiten. Drittens: Es rächt sich oft, wenn eine vierhändige Komposition für ein Klavier an zwei Instrumenten gespielt wird: Spielkontakt und Klang­einheit litten beim Schumann-Arrangement merklich. Und viertens: Da Mercier bei Schumann und Brahms die Unarten des Tempotreibens und der Betonung schwacher Taktteile eifrig kultivierte, Katsaris den tragisch abstürzenden Oktavenschluss von Brahms‘ Sonaten-Finale virtuos herunterratterte (sprich: missverstand) und das Zusammenspiel insgesamt suboptimal war, musste man sich halt ans Buffet halten.

Zurück zur Konzertchronologie: Ab und zu passiert es – dann gelingt ein „Raritäten“-Debüt so, dass die drei „P“ perfekt zusammenpassen: Programm, Pianist/Pianistin und Publikumsreaktion. In der Husumer „Raritäten“-Historie denkt man da beispielsweise an Roberto Cappello, Enrico Pace, Steven Osborne, Artur Pizarro, Jonathan Plowright, Sofja Gülbadamova – und natürlich an Marc-André Hamelin. Letzten Mittwoch war es im Rittersaal wieder so weit: Severin von Eckardstein zog die Hörerschaft in seinen Bann – zunächst mit leisen Tönen. Zwei Fauré- Barcarolles (Nr. 9 und 8) lockten mit intimer Ausdruckskraft. Während sieben Préludes des komponierenden Pianisten Robert Casadesus danach recht zurückhaltend, fast ein wenig spröde klangen, war mit dem d-Moll-Scherzo des frühverstorbenen Liszt-Schülers Julius Reubke in Eckardsteins fulminanter Wiedergabe das PPP-Phänomen plötzlich da: Rasanz und Eleganz, Freiheit und Kalkül, Kantilene und sprühende Figuration bildeten eine Einheit. Überhaupt ist bei Eckardstein das, was sich bei vielen Klavierkünstlern wie Folien voneinander abziehen lässt – Fingerfertigkeit, Sprungsicherheit der Hände, Formbewusstsein, Klangsensibilität und klangliches Durchsetzungsvermögen – untrennbar miteinander verschweißt und aufeinander bezogen. Auch Witz hat der Enddreißiger, wie drei seiner 24 Techludes – darunter Nr. 17 Tacker mit teilpräpariertem Klavier – zeigten. Bei Eckardstein kann man, wie schon sein Fauré zeigte, zwischen den Zeilen hören. Bei ihm kommen – etwa in der fantastisch gegliederten Dithyrambe op. 10/2 Nikolaj Medtners – die Gegenstimmen zur Melodie gern, aber nicht vorlaut aus ihren Schlupflöchern. Das Hauptwerk des Abends, die f-Moll-Sonate op. 72 des Engländers York Bowen, ein pianistisches Hochgebirge aus dem Jahre 1923, das sich bei einer nur „soliden“ Interpretation vielleicht ein wenig mühsam dahinziehen könnte, wirkte unter Eckardsteins Händen wie ein existenzieller Kampf zwischen spätromantischem und modernem Denken, den man von der ersten bis zur letzten Sekunde gebannt verfolgte, nein miterlebte. Entsprechend enthusiastisch war die Publikumsreaktion. Ein außergewöhnlicher Abend!

Die nächsten beiden Klavier-Recitals schnitt DeutschlandRadio Kultur mit. Vielleicht lag es an diesem erhöhten Öffentlichkeitsdruck, dass der Engländer Martin Jones, der im Vorjahr als 75-jähriger mit ebenso zielstrebigem wie frei fließendem Spiel betört hatte, in der ersten Konzerthälfte angespannter wirkte. Nun ja, Carl Czernys „Souvenir de Peste“ op. 334 über einen Walzer von Johann Strauß (Vater) ist sicherlich ein husum-kompatibles Beispiel für „brillanten Salonstil“ des frühen 19. Jahrhunderts. Doch mehr als der etwas klebrige süße Rest musikalischer Zuckerwatte bleibt in der Erinnerung kaum übrig. Schade, dass Jones nicht mal eine der gehaltvollen Czerny-Sonaten spielte, die er eindrucksvoll auf CD herausgebracht hat. Debussys erst posthum publizierte frühe Images (oubliées) waren da gehaltvoller, wirkten im Spiel aber doch leicht unruhig. Ganz bei sich selbst war der Künstler nach der Pause in drei der 12 Transcendental Concert-Studies seines Freundes Graham Hair. Unter ihnen bezauberte das für einen Wettbewerb komponierte Stück Wild Cherries & Honeycomb, bei dem Melodiebruchstücke aus Figurationen hervorzischen, als Komposition wie auch in Jones authentischer Interpretation. Das galt ähnlich für Jean Françaix‘ mal eleganten, mal rotzfrechen kleinen Tanzzyklus Éloge de la danse mit seiner verblüffend vielfältigen Auslotung des Dreiertaktes. Ein Selbstgänger waren die abschließenden Variations on „The Lambeth Walk“ des nach England emigrierten Franz Reizenstein im Stil großer Meister von Mozart bis Wagner – und mit entsprechenden Anspielungen. Da merkte man auch, wie viel Repertoirekenntnis Husums Hörerschaft besitzt: Man lachte an den richtigen Stellen. So endete Jones‘ gefeiertes Konzert auf den freien pianistischen Höhen seines Vorjahres-Debüts.

Pianistinnen sind in den Husumer Konzerten, sagen wir es mit britischem Understatement, nicht gerade überrepräsentiert. (Spöttelnd könnte man sagen: Auf dem Rittersaal-Podium agieren mehr Raritäter als Raritäterinnen.) Umso gespannter war man auf das ebenfalls mitgeschnittene und halbstündig zeitversetzt ausgestrahlte Freitagskonzert mit der 1985 in Moskau geborenen Zlata Chochieva. Sie hat sich in den letzten Jahren internationale Konzertsäle erobert und bringt wirklich alles mit, was man braucht, um pianistisch Bewunderung zu erregen. Da hört man wundervolle, im Leisen sanft leuchtende Klavierfarben, etwa in Bach/Friedmans klangschönem Siciliano oder in Ignaz Friedmans schmelzend-betörend gestalteter Klaviertranskription von César Francks Orgelkomposition Prélude, Fuge et Variation. Ebenso wenig fehlt es ihr an Pointierungslust in Sonaten von Galuppi (F-Dur) und CPE Bach (G-Dur Wq 62/19) oder an pianistischer Kraftentfaltung in Bach/Liszts Präludium und Fuge g-Moll BWV 542, bei Medtner und im Hauptwerk des Abends, Rachmaninows faustische 1. Sonate op. 28, die mittlerweile ein Husumer Raritäten-Repertoirestück geworden ist. An unbeirrbarer Konzentration und allen denkbaren Virtuositätstugenden mangelt es ihr gleichfalls nicht. Was am Mittwoch bei Eckardstein so untrennbar und bewundernswert ganzheitlich anmutete, erschien bei ihr jedoch mitunter getrennt: Ihre Pointierungslust verführte sie bei Galuppi und CPE Bach zur Überzeichnung, die den Rhythmus gelegentlich verunklarte. Bei großen Steigerungen, die insbesondere in Rachmaninows 1. Sonate ein wichtiges, ja überwältigendes Gestaltungs- und Ausdrucksmittel sind, wurde sie eher zur Tastensportlerin, die alle pianistischen Hürden behende meisterte, als zur Heldin, die den Kampf gegen sämtliche Widerstände mit Weitblick und mit Hilfe aller seelischen und pianistischen Kräfte aufnahm und bestand. Von den Glockenklängen und Klavierdüften, die Zlata Chochieva vor der Pause in Liszts Hymne de la nuit entdeckt hatte, darf man aber noch lange schwärmen. Entsprechend lange und laut wurde sie gefeiert. Auch die Rundfunkhörer müssen gemerkt haben, welche pianistische Kapazität mit Zlata Chochieva im Husumer Rittersaal am vorletzten Abend einer ungemein spannenden Jubiläumswocheagierte. Und nun heißt es: Auf ins neue Raritäten-Jahrzehnt!

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