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Rattles Osterspaziergänge

Baden-Baden Rattles Osterspaziergänge

Alle Welt bleibt gespannt, wen die „Orchesterrepublik“ Berliner Philharmoniker als Nachfolger von Sir Simon Rattle zu ihrem Chef am Pult ausruft. Während Solo-Oboist Albrecht Mayer im Deutschlandradio Kultur den ohnehin aussichtsreichen Kandidaten Christian Thielemann bereits in den allerhöchsten Tönen als genialen Begleiter (die höchste Tugend eines Dirigenten...) und Gestalter preist, bleibt das Feld von Altmeistern wie Daniel Barenboim bis zu Senkrechtstartern wie dem Kanadier Yannick Nézet-Séguin offen.

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Rattle hatte sich konzertant Hector Berlioz’ oratorische Opernsplitter La Damnation de Faust vorgenommen.

Quelle: Rittershaus

Baden-Baden. Wo Deutschlands unbestritten führendes Orchester derzeit steht, konnte man jüngst bei den Osterfestspielen in Baden-Baden nachvollziehen, wo sich die Berliner mehrwöchig als Residenzensemble auch auf Opernterrain tummelten. Da bot sich ein zugleich faszinierendes wie irritierendes Hörbild. Rattle hatte sich konzertant Hector Berlioz’ oratorische Opernsplitter La Damnation de Faust vorgenommen. Die Philharmoniker verwandelten die irrlichternde französische Partitur in ein unendlich reiches, in den Registern perfekt abgestimmtes und in der Klangregie und den Lautstärkeabstufungen phänomenal gestaffeltes Kaleidoskop aus Laserstrahl-Reflexen und Pastellfarben.

Was konnte da überhaupt fehlen? Nun, es fehlte im Festspielhaus an urwüchsiger Kraft, an satter Grundierung im Register der tiefen Streicher und des schweren Blechs. Es fehlte an Dämonie, überwältigenden Aplomb – und erkennbarem Charakter. Die Berliner sind ganz sicher eines der allerelegantesten und sportivsten Klangkörper der Gegenwart. Aber, der Vorwurf ist nicht neu, man kann sie in ihrem globalisierten Osterspaziergang-„Sound“ partout nicht mehr unterscheiden von der Top-Konkurrenz in den USA, England oder Japan.

Wäre da nicht die grandiose Mezzosopranistin Joyce DiDonato als maximal berührende und stimmlich überwältigende Marguerite gewesen – die zügige Aufführung wäre an einem vorbeigerauscht wie das Flüsschen Oos oder einer der hochglanzpolierten Ferraris vor dem Casino des Kurparadieses.  Denn auch Rattles Sängerwahl – mit dem schönstimmig-blassen, im Berlioz-typischen „Voix mixte“-Höhenregister technisch überforderten Charles Castronovo als verdammtem Faust und dem allzu ungefährlichen Kavaliersbariton Ludovic Tézier als Méphistophélès – bezeugte die reine Lust an apollinischem Oberflächenglanz.

Dass Rattles gewandt, aber oft zu geradeaus singende Ehefrau Magdalena Kozena dem Octavian im Rosenkavalier Teile der burschikosen Mezzo-Palette würde schuldig bleiben – geschenkt. Zumal es sich nicht leicht besteht neben der stimmlich fabelhaft üppigen sowie überragend verletzlich gestaltenden Spitzen-Marschallin Anja Harteros, der erstaunlich feinjustiert textverständlich leuchtenden Sophie von Anna Prohaska oder dem vitalen Ochs von Peter Rose.

Auch die unterkühlte und in karnevalesken Massenszenen unaufgeräumt wirkende Inszenierung, die Brigitte Fassbaender direkt nach ihrem konzisen Kieler Onegin in den blässlich zwischen Einst und Heute changierenden Bildern von Erich Wonder arrangiert hatte, verhalf dem zappelig mädchenhaften Octavian nicht unbedingt zu tiefschürfender Charakterstärke.

Und die Berliner Philharmoniker? Die begeisterten mit einem quicklebendigen, ja geradezu quecksilbrigen Richard-Strauss-Pulsieren voller phantastischer Solo-Leistungen und scharf fokussierter Effekte. Aber auch diese Tugenden stimulierten letztlich leider nur die Hirnregion, nicht die Magengrube. Im kommenden Jahr muss das unbedingt anders werden: Dann dirigiert Rattle bei den Osterfestspielen in Baden-Baden Wagners Tristan.

Als Live-Stream wird die Aufführung am 11. April ab 19 Uhr im Internet in der DigitalConcertHall der Berliner Philharmoniker zu sehen sein:  https://www.digitalconcerthall.com/de/concert/21246?utm_medium=email&utm_campaign=DCH+Newsletter+fr+den+09042015&utm_content=DCH+Newsletter+fr+den+09042015+CID_f62594c2c2e7328ddb6d43669bcf63dc&utm_source=Email%20Newsletter&utm_term=Mehr%20Informationen

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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