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Im Rausch der Meere

Raumklang-Installation von Shih Im Rausch der Meere

Die Ovationen für den anwesenden taiwanesisch-österreichischen Komponisten Shih krönten ein insgesamt stimmungsdichtes Konzert, das Generalmusikdirektor Georg Fritzsch zu Ehren des 350. Geburtstags der Christian-Albrechts-Universität und seiner Meeresforschung nah am Wasser konzipiert hatte.

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Die Ovationen für den anwesenden taiwanesisch-österreichischen Komponisten Shih krönten ein insgesamt stimmungsdichtes Konzert.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Zunächst ist es nur ein Grundrauschen, eine magische Vorahnung der mächtigen, unfassbar vielgestaltigen Bewegung. Dann hebt das Wispern und Flirren ab, gebiert Tonwellen und Klangwogen. Der taiwanesisch-österreichische Komponist Shih hat dem Ozean und seinem Leben spendenden Plankton ein Stimmengewirr abgelauscht, dessen raumflutender Faszination sich am Sonntagmorgen im Kieler Schloss das begeistert lauschende Publikum bei der Uraufführung der „Klang-Installation“ Schweigendes Meer nicht entziehen kann.

 Shihs 20-Minuten-Komposition, eindrucksvoll anschaulich geschichtet in einer meterhohen Partitur auf dem Dirigentenpult, setzt auf ein geräuschhaft wimmelndes Instrumentarium im Philharmonischen Orchester, gewinnt aber seine eigentliche suggestive Kraft aus dem Skandieren und Tonsetzen von Opernchor und Philharmonischem Chor auf den Emporen und den dort ebenfalls platzierten Einzelspielern etwa mit Fagott, Flöte oder Kontrabass. Besonders lebendig-lichten Reiz macht zudem der Kinder- und Jugendchor hinter dem Orchester aus: Hier wird auf Anweisung ansteckend gekichert und gelacht, werden leicht schwebende Glockentöne angestimmt oder aus dem Schlagwerk aufgegriffen. Das philosophisch überhöhte Gesamtergebnis einer natürlich vielstimmigen Schwarmintelligenz erreicht vergleichbar einnehmende Wirkung wie verwandte Raummusiken von Ligeti, Stockhausen oder Boulez, auch wenn, oder gerade weil es nicht so streng organisiert scheint.

 GMD Fritzsch spielt seine Stärken als souveräner und suggestiver Klangregisseur zuvor schon in berühmten Hauptwerken des Themenkreises aus. Die Glückliche Fahrt mit Mendelssohn kräuselt sich sehr schön aus der kaum bewegten, flüsterleisen Meeresstille des Beginns hervor. Das neblig schimmernde Morgengrauen vor dem Fischerhafen oder der aufregend gefährlich aufgepeitschte Sturm lassen sogar in der Konzertvariante der Four Sea Interludes von Benjamin Britten das innere Drama von Peter Grimes spürbar werden.

 Auch Impression wird Expression: Flüssig strömt Claude Debussys extrem anspruchsvolles orchestrales Meisterwerk La Mer, für Celibidache die „Bibel der französischen Musik“. Hier gibt es nur wenig trübe Stellen, dafür etliche Wellen des Wohlklangs und plastisch ausgepegelte großorchestrale Wassermassen-Effekte. An der Förde kennt man sich eben mit dem Meer gut aus.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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