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Mit der Kamera im Kopf

Judith Hermann in der Muthesius-Hochschule Mit der Kamera im Kopf

So dunkel war es noch nie und so eng wohl nur selten im rappelvollen Kesselhaus der Muthesius Kunsthochschule am Montagabend. Der enorme Publikumsandrang war der Popularität Judith Hermanns geschuldet.

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Meisterin der minimalen Form: Judith Herrmann.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Von Rainer Paasch-Beeck

In der Schwebe blieb hingegen, ob die spärliche Beleuchtung die sprichwörtliche Melancholie der Berliner Autorin noch zusätzlich unterstreichen sollte. Arne Zerbst, dem Muthesius-Präsidenten, war die Freude über diesen Coup in der Reihe „Sprachkunst“ jedenfalls deutlich anzumerken und er outete sich in seiner metaphernreichen Einführung nicht nur als Fan Hermanns, sondern traf mit seiner Beobachtung einer „Einzeldingaufmerksamkeit“ auch auf Beifall bei der so Beschriebenen.

 Judith Hermann, die seit ihrem Sensationsdebüt 1998 mit dem Erzählungsband Sommerhaus, später als Meisterin der knappen Form in Deutschland gilt, las drei Erzählungen aus ihrem im Mai erschienenen neuen Buch Letti Park (S. Fischer Verlag), das in insgesamt 17 Erzählungen den Unwägbarkeiten des Lebens nachspürt. In Gehirn gelangt ein Paar nach der Adoption eines Kindes nach einem Jahr an eine neue Grenze, eine existentielle „Gabelung des Weges“ und Hermann tröstete die ob der Traurigkeit ratlosen Kieler mit dem Hinweis, dass dies „die düsterste Geschichte im Buch“ wäre und sie das Schlimmste damit schon hinter sich hätten. Ihrem überraschenden Geständnis, dass nicht einmal sie das Ende dieser Geschichte verstünde, schloss sich eine ambitionierte Diskussion ihrer Schreibbedingungen an.

 Von „magischen Momenten“ bei der Entstehung ihrer Texte berichtet die 46-Jährige, von dem Gefühl, beim Schreiben ständig eine Kamera im Kopf zu haben. Eine Vorstellung, die sie übrigens mit ihrem großen Vorbild teilt, der kanadischen Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro, die von der Last des Autorenlebens berichtete, ständig ein zweites Leben, ein „secret life“ führen zu müssen. Vielleicht eine der Ursachen, dass auch die anderen Geschichten, Solaris und das titelgebende Letti Park, mit nicht unbedingt kaltem, aber doch sehr nüchternem Blick von gescheiterten Lebensentwürfen und mit schmerzlichen Verlusten erkauften Erfolgen erzählen.

 Judith Hermann präsentierte sich in Kiel nicht nur als eine „Königin der Verdichtung von Sprache“, sondern auch als eine vorzügliche Leserin, so dass Arne Zerbsts emphatischem Schlusswort („Das war ein toller Abend“) nach satten zwei Stunden wenig hinzuzufügen bleibt.

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