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Camus am Landestheater

Ziel verfehlt Camus am Landestheater

In einem in kalten Grüntönen gehaltenen Kellerraum treffen sich fünf Menschen, Mitglieder einer Terrorzelle, die einen Mord an einem hohen Politiker planen. Das ist die Ausgangslage in Albert Camus’ Die Gerechten aus dem Jahre 1949. Das Stück, das einen realen Terroranschlag russischer Sozialrevolutionäre im Jahr 1905 zur Vorlage hat, geht der Frage nach, ob der politische Zweck alle Mittel heiligt, ob der Tyrannenmord gerechtfertigt ist und Unschuldige dabei geopfert werden dürfen.

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Grimmige Gesellen: Johannes Fast, Stefan Hufschmidt, Tobias Bode.

Quelle: Landestheater

Rendsburg. Auf Xenia Hufschmidts Einsamkeit ausstrahlender Bühne für das Schleswig-Holsteinische Landestheater entwirft Reinhard Göber in den Rendsburger Kammerspielen eine Laborsituation. In immer neuen Konstellationen und einprägsamen, symbolisch aufgeladenen Tableaus stellt er die Protagonisten einander gegenüber. Hier der vom Hass zerfressene Stepan, der bedenkenlos auch Kinder für seine politischen Ziele opfern würde. Johannes Fast spielt ihn mit kalter, eruptiver Wut. Dort sein Gegenpol, der idealistische Menschheitsfreund Janek, der nicht gewillt ist, Unschuldige zu töten. Tobias Bode gibt ihm die bei allen Zweifeln traumwandlerische Sicherheit, mit der er den Tyrannenmord auf sich nehmen und dafür freudig in den Tod gehen wird. Er ist der einzige der Gruppe, der den moralischen Lackmustest besteht, dem Camus und in deutlich zugespitzter Form die Regie die Beteiligten unterzieht. Nicht Nina Mohrs von ihrer Liebe zu Janek und einem kalten Racheglühen hin und her gerissene Dora, nicht Michael Kientzles anfänglich unbekümmerter, dann zunehmend ängstlicher Alexej.

Stefan Hufschmidt ist als Borja der Chefplaner des Attentats, ein abwechselnd kühler Stratege, väterlicher Ratgeber und Hassprediger auf die momentane gesellschaftliche Lage. Reinhard Göbel lässt die Mitglieder der Terrorgruppe Manifeste zu gegenwärtigen Fragen verlesen, gegen die Umweltverschmutzung etwa, gegen die bedrohliche Lage am Landestheater oder jegliche Form politischer Korrektheit. Sie alle staucht Borja in einer wegen seiner schieren stimmlichen Gewalt beeindruckenden Szene mächtig zusammen und schwört sie auf das gemeinsame Ziel ein. Die manchmal hanebüchen überdrehten Verlautbarungen, zugleich Betroffenheitsprosa und Volkes Stimme auf niedrigstem intellektuellen Niveau, und Borjas wortgewaltige sarkastische Suada sind nicht unschuldig an der vor Vergnügen glucksenden guten Laune, die sich in den Kammerspielen ausbreitete, als sei Camus’ quälende Fragen stellendes Stück ein x-beliebiger Bauernschwank. Und weil die Regie auch noch Borja zum Verräter macht und Stefan Hufschmidt in einer Doppelrolle als öligen Polizeichef auftreten ließ, war die Desavouierung Camusschen Denkens vollkommen.

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