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Effektvolle Verpackungen

„Revaluation“ im Kieler Atelierhaus Effektvolle Verpackungen

Noch sieht das große Bett mit der fröhlich gepunkteten Bettwäsche so aus, wie ein ungemachtes Bett eben aussieht. Leicht zerknautscht sind die Kissen, die Decke achtlos umgeschlagen, als hätten die Ruhenden ihr Lager erst vor wenigen Minuten verlassen. Bis zum heutigen Abend wird aus dem Doppelbett ein Kunstwerk geworden sein

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Marianne Peijnenburg und Nanne op’t Ende machen im Atelierhaus ein Bett zum Kunstwerk. Im Hintergrund Porträts des Künstlers im Wandel der Zeiten.

Quelle: bos: Björn Schaller

Kiel. Dann ist es eingehüllt in orangefarbener Gelatine, konserviert für die Dauer einer Ausstellung. „Revaluation“ nennen Marianne Peijnenburg und Nanne op’t Ende ihre Schau im Atelierhaus im Anscharpark, mit der sie unsere Maßstäbe der Ästhetik hinterfragen, neu bewertet wissen wollen.

 Die Gelatinemasse, Grundstoff handelsüblicher Gummibärchen, ist essbar – und nicht ewig haltbar. Marianne Peijnenburg, derzeit an der Muthesius Kunsthochschule mit einer Vertretungsprofessur in der Keramikklasse von Kerstin Abraham beauftragt, hat nicht nur mit dem glibberigen Material reichlich Erfahrung. Ihre Kunst wird gegessen, manchmal schmilzt sie, gelegentlich treten Zersetzungsprozesse ein. Auch die beiden Skulpturen aus ungebranntem Ton, die sie im zweiten Saal aufstellen wird, werden sich im Lauf der Ausstellung verändern. Eine ist dem gigantischen Hamburger Bismarck-Denkmal nachempfunden, die andere der „Knieenden“ von Wilhelm Lehmbruck. Und beide tragen Peijnenburgs Gesichtszüge. „Das Publikum ist eingeladen, die Skulpturen zu manipulieren“, so die 48-Jährige. Sie freut sich schon auf eine besondere Aktion zur Museumsnacht, in der die Besucher die Verletzlichkeit der Figuren ausloten dürfen.

 Anke Müffelmann, Ausstellungskuratorin vom Kunstverein Haus 8, hat die Niederländerin als technische Supervisorin im Europäische Keramik Werkzentrum in Oisterwijk kennengelernt. Begeistert erzählt die Kieler Keramikerin von einem lebensgroßen Schwein aus Gelatine, das Peijnenburg damals im Zuge einer Performance schlachtete. Weniger martialisch aber effektvoll gelang die „Verpackung“ eines Tisches mit Gummibärchenmasse. Doch wozu das alles? „Es geht um Erinnerung, um die Schönheit des Vergänglichen – und um Geschichte“, sagt Nanne op’t Ende über das geplante Bett-Objekt, eine Gemeinschaftsarbeit mit seiner Lebenspartnerin.

 Der ausgebildete Fotokünstler und Grafiker hängt an Dingen, die mit persönlicher Erinnerung verknüpft sind. „Und nichts ist so persönlich wie Kunst.“ Auch alte T-Shirts mag er nicht wegwerfen. Auf Keilrahmen gezogen, mutieren sie bei ihm zu gemäldeartigen Wandobjekten. Geschichte spielt auch in anderen Arbeiten des 46-Jährigen eine große Rolle. 21 Porträts hat er an die Wände rund um das Bett gehängt. Nach der Vorlage von Passfotos gezeichnet, zeigen alle Blätter sein Gesicht im Wandel der Zeiten – vom Kleinkind bis heute. „So schaut mein ganzes Leben herunter auf dieses Bett.“

  Heiligendammer Straße 15. Eröffnung heute, Mittwoch, 19 Uhr. Bis 28. August. Do/Fr 15-18 Uhr, Sa/So 14-18 Uhr.

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