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Vom Scheitern am Weltentwurf

„Rheingold“-Premiere Vom Scheitern am Weltentwurf

„Je mehr man sich damit beschäftigt, je weiter man sich vertieft in das Werk und die Literatur darüber, umso schwerer wird es“, blickt Daniel Karasek und kurz vor der „Rheingold“-Premiere an diesem Sonnabend mit einem belustigten Seufzer auf die vergangenen Monate zurück. Zwar sei das „Ring“-Projekt eingebunden in den mythisch-biblischen Kontext der Spielzeit, die im Schauspielbereich zwei Uraufführungen zum Thema „Zehn Gebote“ anbahnt – eine unmittelbare Verzahnung sieht der Regisseur aber nicht.

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Im pausenlos zweieinhalbstündigen Musikdrama „Rheingold“ entsagt der garstige Zwerg Alberich der Liebe, um das Gold der Rheintöchter zu rauben.

Quelle: Struck

Kiel. Richard Wagner habe vielmehr mit „shakespearescher Chuzpe alle möglichen Elemente zusammengerafft, um gleich im ,Rheingold’ seinen gigantischen Kosmos aufzutürmen. Er reichert das Heimliche mit dem Unheimlichen an, um die Erfindung und die Endlichkeit der Welt, einen Weltentwurf und zugleich das Scheitern daran zu thematisieren.“ Karasek begeistert die philosophische Dimension dieses vielseitig kunstvollen Musiktheater-Gebäudes. Faszinierend sei das gerade für jemanden, der vom Schauspiel kommt, aber auch fast nicht zu leisten, das alles konkret darzustellen. „Der Riss in der Vernunft entsteht durch den Trieb – und gemeint ist der Trieb im weitesten Sinne, nicht nur der sexuelle“, sinniert der Regisseur. Diesen Inhalt findet Karasek allgemein gültig und noch immer uneingeschränkt aktuell: „Erzählen wollen wir den Ursprung der Welt und das fatale Eingreifen des Menschen und des menschlichen Gedankens aber nicht zu konkret heutig, sondern modern mythisch. Wir haben uns dabei dem Fabelhaften nicht verweigert, bleiben relativ abstrakt und zeichenhaft.“ Walhall wird in Kiel also nicht eindeutig zu Wallstreet, das begehrte Gold nicht unbedingt zum Geld der Banken und Hedgefondmanager.

 Dafür komplettiert die Kieler Produktion das Besteck, mit dem Wagner hantiert. Zur spannungsvollen Musik und der „sensationell verqueren Sprache“ (Karasek über das „Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege! Wagala weia! Wallala, weiala weia!” der Rheintöchter) kommen Puppenspiel und Film hinzu.

 Der renommierte Kieler Figurenbildner Marc Schnittger hat geholfen, den Riesen eine Statur zu verleihen, die sie „vom höheren Weihnachtsmärchen bewahren“. Die Idee: Die beiden Sänger der Basspartien Fasolt und Fafner führen, unterstützt von weiteren Körpermenschen, ihre eigene Figur als archaisch brutale Puppe, unterschieden mimisch in den Liebenden und den Habgierigen. Karasek ist froh darüber, dass sich in den „nervenaufreibenden“ Proben mit ihnen tatsächlich eine eigenwillig faszinierende Bühnenmagie eingestellt habe.

 Konrad Kästner, verlockt besonders von den Zwischenmusiken, eröffnet mit seinen Videokünsten eine weitere theatralische Ebene und freut sich, dass das Kieler Opernhaus mit drei Beamern ein Equipment „state of the art“ parat und begeisterte junge Techniker im Team hat. „Das Bühnenbild ist mit seinen Projektionsflächen ein Traum dafür“, frohlockt der in Babelsberg studierte Filmregisseur, der schon häufiger am Theater Kiel Filmsequenzen ins Bühnengeschehen eingebracht hat – beispielsweise in Maria Stuart im Schauspielhaus oder der Open-Air-Tosca.

Kästner sieht seine Videos als weiteren Kommentar zur Bedrohung der Welt, als sinnlichen Anklang zum Mythos und nur selten, wie bei der Fahrt in die Unterwelt der Nibelungen, konkret. Deshalb spielen in ihnen auch die Figuren oder das Gold keine Rolle. Die größte Herausforderung ist die Technik: „Produziert auf einem Macbook speichere ich abends ab, um dann am nächsten Morgen endlich darauf zugreifen zu können“, lächelt der 1984 geborene Leipziger. Und wenn der Dirigent, GMD Georg Fritzsch, mal das Tempo schwanken lässt, muss die Projektion flexibel angepasst umgesteuert werden.

 Daniel Karasek begeistert sich derweil an Wotans wackligem privatmythologischen Weltgebäude, das Wagner gerne mal aufs Korn nimmt, wenn Fricka („wie wahrscheinlich Cosima ...“) sich eher um den passenden Schmuck sorgt oder die Götter sich als ziemlich sterblich herausstellen: „Ironie und Erhabenheit, Spielbergs Hollywood und Kleinklein liegen hier herrlich dicht beieinander.“ Auch das „lebendige Horoskop“ Erda irritiert Wotan – als Kassandra und sogar als Frau „mit Vergangenheit“.

 Am Ende des Rheingold, da ist sich der Regisseur sicher, beziehen die Götter ihre neue Burg jedenfalls nur scheinbar im sicheren Triumph. „Es gibt da schon zu viele Probleme, die erst geschaffen wurden.“ Und da ist Karasek dann ganz bei seinem Liebling Loge, dem „doppelten Widergänger, Jago und Mephisto in einer Person, schillernd und zündelnd...“

Und darum geht es

 Die Täter im gewaltigsten Drama der Musikgeschichte seien eigentlich „ganz nette Leute“, befindet Loriot, Nachfahre des mit Richard Wagner eng verbundenen Dirigenten von Bülow. „Nur eine gemeinsame Leidenschaft wird ihnen zum Verhängnis: Sie wollen mehr besitzen, als sie sich leisten können, mehr Macht, als ihnen zusteht. In blindem, lieblosen Gewinnstreben vernichten sie sich selbst und ihre Welt.“ Zum Glück, so Loriot weiter, gebe es ja dergleichen nur auf der Opernbühne...

 Im pausenlos zweieinhalbstündigen Musikdrama „Rheingold“ entsagt der garstige Zwerg Alberich der Liebe, um das Gold der Rheintöchter zu rauben. Er schmiedet daraus einen Ring und gewinnt sich so „Macht ohne Maß“, die auch Wotan gerne hätte. Mit Hilfe von Loge raubt er Alberich aus. Dabei trifft jeden neuen Besitzer des „Ring des Nibelungen“ aber dessen liebloser Fluch... Als die Götter schließlich frohgemut ihre neue Burg beziehen, erahnt Loge deshalb schon ihr heraufdämmerndes Ende.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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