18 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Wie aus dem Bilderbuch

„Rheingold“-Premiere Wie aus dem Bilderbuch

Die Oper Kiel hat ihr „Ring“-Projekt mit einem märchenhaften „Rheingold“ begonnen. Die Inszenierung von Daniel Karasek verzichtet auf eine Neudeutung von Richard Wagners Musikdrama. Mit naivem Staunen wird der Mythos anschaulich nachgestellt. Maßgeblichen Anteil am Gelingen der gefeierten Premiere hat das Orchester unter GMD Georg Fritzsch.

Voriger Artikel
Zwei neue Glocken für Michel geweiht
Nächster Artikel
Aus den Hütten der Komik

Rheingold feierte Premiere an der Kieler Oper.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Himmlisch irdisch ist das Egoistengerangel in Richard Wagners Rheingold. Halbgott Loge, Aktivposten im neu begonnenen Musikdrama-Marathon an der Oper Kiel, bekommt jedenfalls jede Menge Gelegenheit, über kleine und große Eitelkeiten, Gier und Verschlagenheit halb belustigt und halb entsetzt den Kopf zu schütteln – ob in der Chefetage des Universums, bei den tumben Muskelprotzen auf der Erde Rücken oder den gefährlichen Kriechern ganz unten, sogar bei den Nixen: überall regiert fahrlässiger Leicht- und Eigensinn. Ein wenig ratlos wird Loge deshalb am Ende, wenn die Götter ihr durch Naturfrevel und Diebstahl erstunkenes Dubai-Metropolis beziehen, in den Zuschauerraum starren.

Michael Müller singt und spielt ihn mit Feuereifer. Als lyrischer Tenor muss er sich dabei über die Sprache definieren, spuckt Konsonanten, speit Vokale – heraus brät eine exemplarische Deutlichkeit, die Wagner von seinem Ring-Personal immer wieder eingefordert hat. Auch Jörg Sabrowski lässt seinen zuckend verschlagenen, über ein herrlich kreischendes Meer von Kinderstatisten herrschenden Nibelungen-Zwerg Alberich auf ähnliche Weise eindrucksvoll geifern und fluchen. Beide dürfen sich über großen Zuspruch freuen, müssen aber auch vereinzelte Buh-Rufe wegstecken. Der Amerikaner Thomas Hall ist bei seinem Deutschland-Debüt sprachlich eine Spur unpräziser, strahlt aber stimmlich die Heldenbariton-Mächtigkeit des Platzhirsches aus. Auch hört man bei ihm irritierte Politkrimi-Zwischentöne, wenn ihn seine Gattin Fricka ankeift (mit Temperament und Belcanto-Intensität: Cristina Melis), die Götterkollegen mucken (Tomohiro Takada, Yoonki Baek, Agnieszka Hauzer), Mime greint (optimal: Fred Hoffmann) oder die Rheintöchter klagen (Hye-Jung Lee, Heike Wittlieb, Tatia Jibladze).

Die Inszenierung von Daniel Karasek verzichtet auf eine Neu- oder gar Umdeutung von Wagners „Vorabend“-Konzept zum Ring des Nibelungen. Mit naivem Staunen wird in der ausverkauften Premiere der Mythos anschaulich nachgestellt, mal schön detailliert in der psychologischen Motivation zwischen den Figuren, mal holzschnittartig unbewegt. Hier wird mit Nebel, Licht und Requisite märchengezaubert, dort – wie im Verkündigungsfall Erda (eine imposant Wahrheit hinausposaunende Urmutter: Rena Kleifeld) – tritt eine Figur einfach so hinzu, als sei sie von Bert Brecht auf den Plan gerufen.

Immer aber regiert die Macht der Bilder. Auf der weiträumigen, vom Gehänge- und Geflecht-Design à la Rosalie oder Shiota inspirierten Bühne von Norbert Ziermann tummeln sich die Figuren in sprechend charakterisierenden Kostümen von Claudia Spielmann. Drumherum sowie in den Vor- und Zwischenspielen sorgen großformatige Videosequenzen (Konrad Kästner) über Planeten- und Kreaturengeburten wenn schon nicht für Erkenntnisgewinn, so doch für Kino-Opulenz – mit Anleihen von Riefenstahl bis Kubrick. Auch die Verwandlung der Riesen Fasolt und Fafner (bassstark gesungen von Timo Riihonen und Marek Wojciechowski) in zwei Großfigurengerippe mit Fratze und Monsterpranken (Marc Schnittger) kitzelt die Fantasie.

Das alles bliebe rezitativisches Stückwerk, würde da nicht im Orchestergraben die hohe Kunst gleitender Übergange zelebriert. Generalmusikdirektor Georg Fritzsch nimmt sich mit den bestens austarierten Philharmonikern schon im magischen Es-Dur-Vorspiel Zeit, die Registerfarben behutsam auseinander hervorwachsen zu lassen, spannt dann weite melodische Bögen, lässt Wagners Partitur organisch wachsen und weben. Auch das trägt maßgeblich zum Bilderbuch-Premierenerfolg bei.

Termine am 4. und 11. Oktober, 14. November, 29. Dezember, 14. Januar, 20. Februar, 20. April und 30. Juni. Karten: 0431 / 901 901. www.theater-kiel.de

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3