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Ringen um jedes Goldblättchen

"Rheingold" in Kiel Ringen um jedes Goldblättchen

Achtzehneinhalb Jahre ist es her, dass am Theater Kiel das Wagnis begonnen wurde, mit „Rheingold“ einen Zyklus von Richard Wagners gewaltiger Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ zu eröffnen. Nach Operndirektorin Kirsten Harms und GMD Walter E. Gugerbauer wollen nun Intendant Daniel Karasek und GMD Georg Fritzsch das große Rad drehen.

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GMD Georg Fritzsch (re.) sucht im Orchestergraben mit den spürbar Wagner-kundigen Kieler Philharmonikern nach den Subtext-Klängen der Partitur.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. „Scheinheiliger“ wünscht sich der Dirigent die kommentierende Begleitung seiner Lieblingsfigur Loge in den plötzlich schwielig ineinander geschobenen Stimmen. Richard Wagner hat die Bratschen und Celli dort doppelzüngig geteilt: „Was ein Dieb stahl, das stiehl’st du dem Dieb: Ward leichter ein Eigen erlangt?“, ist der fatal verschlagene Rat, den der flackernde Halbgott seinem Chef Wotan gibt. Genau hier gerät die hehre Götterwelt auf die schiefe Bahn. Der beratende Feuerkopf Loge wird später spöttisch anmerken „fast schäm’ ich mich, mit ihnen zu schaffen“, er wird zugleich Lust verspüren, sie alle mit seiner „leckenden Lohe ... aufzuzehren“, alljene, die ihn einst „gezähmt“ hatten. Jetzt erkennt der gelassen Weitsichtige, dass sie Gefahr laufen, als „Blinde blöd zu vergehn“. Der Ring des Nibelungen weist sich da als ewig aktuelles Welttheater über Macht und Machenschaften aus.

 Georg Fritzsch leitet die erste „Bühnenorchesterprobe“ der Rheingold-Produktion. Er koordiniert Bühne und Orchester, reguliert den Tempofluss, ordnet die Hierarchien zwischen wichtigen und gerade weniger wichtigen Stimmen. Auch gibt er kurze Hinweise an seinen Assistenten Whitney Reader, der direkt hinter ihm in der ersten Publikumsreihe Notizen in der Partitur macht. In erster Linie aber sucht Kiels Generalmusikdirektor nach dem, was er im Text und „vor allem im Subtext“ von Libretto und Partitur zu finden glaubt, was aber nicht explizit dasteht. „Das ist der Reiz, ganz besonders in den tollen Rezitativen des Rheingold: Während ein Puccini alles haarklein ausnotiert, verlangt Wagner die Entschlüsselung von seinem Interpreten. Wer hier nämlich nicht flexibel mitgestaltet, die Charaktere und Untertöne nicht herauskitzelt, produziert eine ganz flache Nummer“, ist sich Fritzsch sicher.

 Seine Ring-Vorprägung schätzt der Dirigent selber als eher gering ein. Einst trug in Dresden die Schallplatteneinspielung unter Janowski mit Größen wie Theo Adam und Peter Schreier dazu bei. Hinzu kam nach der Wende ein Bayreuther Festpielerlebnis unter Sinopoli. Jetzt aber hat er sich seit Monaten reingekniet – wie zuvor beim Tristan – in den Text und die Noten. „Weile, dass mehr ich wisse ...“, zitiert Fritzsch Wotan und berichtet von einer spannenden Coaching-Woche in München. Richard Trimborn, über Jahrzehnte Studienleiter der Bayerischen Staatsoper, an zwölf Ring-Produktionen maßgeblich beteiligt, Freund des überragenden Wagner-Dirigenten Carlos Kleiber und in den 60er-Jahren an der Seite von GMD Peter Ronnefeld sogar in Kiel am Pult tätig, weihte ihn gerne in allerlei Werkgeheimnisse ein. „Das zu dirigieren, ist schlagtechnisch nicht schwer, es wirklich zu erfassen, aber schon.“ Kleine Tricks inklusive: Im berühmten Orchestervorspiel, einem minimalistisch vom „Grund des Rheins“ heraufwabernden Es-Dur-Akkord, kommt der Grundton oft zu kurz, weil die Fagotte es in tiefer Lage schwer haben, die Quinte leise anzublasen. Deshalb kommt zusätzlich eine Orgel zum Einsatz. „Das steht nicht in der Partitur, wird aber überall gemacht, weil schon Felix Mottl in Bayreuth darauf gesetzt hat – und dann darf man!“

 Im Kieler Orchestergraben ermuntert Fritzsch unterdessen die Streicher, jede Phrase „weich enden zu lassen, nie tonlos“. Das Opernhaus, erläutert er später, komme dem Stück mit Nachhallzeiten von weniger als einer Sekunde wahrlich nicht entgegen. „Ein normales Opernhaus sollte circa 1,8 haben. Anders als etwa in Lübeck wird uns der Goldrand hier nicht mitgeliefert, wir müssen jedes Goldblättchen erringen.“ Doch verweist der GMD mit einem Loge-Lächeln auf ein Bild einer Cello-Legende an der Wand seines Dienstzimmers: „Der alte Casals mochte bewusst kein Stradivari- oder Guarneri-Instrument spielen. Er wollte sich nämlich das Gefühl erhalten, um den Klang kämpfen zu müssen.“

 www.theater-kiel.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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