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Daphne und die Männerwelt

Staatsoper Hamburg Daphne und die Männerwelt

Aus Basel hat die Hamburgische Staatsoper die psychologisch zugespitzte Inszenierung von Richard Strauss' später Oper "Daphne" übernommen. Christof Loy spürt darin der Frage nach, warum die Titelheldin den Kontakt zu Männern scheut. Unter der musikalischen Leitung von Michael Boder glänzte die Schwedin Agneta Eichenholz in der Titelpartie der Musiktheater-Rarität.

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Elektrik und Emphase

Daphne (Agneta Eichenholz) ist, geblendet von Apollo (Eric Cutier), zur Mörderin an ihrem Jugendgefährten Leukippos (Peter Lodahl, li.) geworden.

Quelle: Mögenburg

Hamburg. Ein billiger Bretterzaun als Biergarten-Verschlag nahe Garmisch, wo sich der alternde Richard Strauss 1938 als geschasster Reichsmusikkammerpräsident den Nazi-Frust mittels olympischen Mythenkitschs von der Seele schrieb. Stramme Holzhackerbuam in Krachledern, Maderln im Oktoberfestdirndl, ein Alphorn und viel Alkohol: Das Team von  Starregisseur Christof Loy mit Annette Kurz (Bühne), Ursula Renzenbrink (Kostüme) und Thomas Wilhelm (Choreograf aus Stephan Thoss’ Kieler Tanzcompagnie) lässt in der Hamburgischen Staatsoper keinen Zweifel, dass die zarte Bedienung Daphne im dionysischen Volksfest-Taumel als Mensch gewordene Nymphe diesmal ganz unten am Fuße des Olymp angekommen ist.

Der einmal mehr sehr präzise Loy psychologisiert, dass der späten „bukolischen Tragödie“ alles göttliche Getue gründlich ausgetrieben wird. Daphnes Eltern Gaea (mit den 72-jährigen Resten einer einst großen Alt-Stimme: Hanna Schwarz) und Peneios (mit schönem Bass: Wilhelm Schwinghammer) sind zu Kupplern geworden, die mit Schnapsglas und Geldbörse endlich die allzu zierliche Jungfrau, vielleicht aber auch ein verstörtes Missbrauchsopfer an den Mann bringen wollen. Da kommt der große Unbekannte Apollo, dessen heftig heldische Tenorstrahl-Partie der Amerikaner Eric Cutler grandios kraftstrotzend singt, gerade recht. Von ihm enttäuscht, ja verblendet wird die keusche Daphne in Loys aus Basel übernommener Inszenierung sogar selber zur Mörderin an ihrem als Spiegelbild verkleideten platonischen Jugendfreund Leukippos. Diese zweite, etwas lyrischere, aber dennoch unangenehm liegende Tenorpartie singt der dänische Tenor Peter Lodahl, der einst in Kiel seine Karriere begann, ziemlich gut.

Wenn Daphne am Ende im Frauenknast landet, sich ihre Sprache in fassungslosen Vokalisen und dem Glitzern des Orchesters auflöst, scheint sie tatsächlich erlöst – zumindest den Begehrlichkeiten einer Männerwelt sicher entrückt. Die Inszenierung bietet somit die Analyse einer möglichen Tiefenschicht des Werks, steht aber zugleich merkwürdig quer zum kunstvoll überhöhten Ton von Partitur und Textbuch und erhält vermutlich daher auch einige Buh-Rufe.

Zutiefst eindrucksvoll ist aber die vom Kopenhagener Opernchef Michael Boder und den reich schimmernden Philharmonischen Klängen getragene Gesangsleistung der Schwedin Agneta Eichenholz in der Titelpartie. Die gefürchteten Höhenflüge des stratosphärischen Strauss-Soprans beginnt sie in gläsern mädchenhafter Naivität. Mit dem ersten Kuss, wenn Strauss in phantastisch verbrämter Manier Wagners Tristan heraufbeschwört, verwandelt sie ihre resonanzstarke Stimme dagegen in ein farbenreiches Meer an fraulichen Stimmungen einer großen Tragödin. Entsprechend riesig fällt der Hamburger Premierenjubel für sie und die Strauss-Rarität aus.

Termine am 8., 11., 16., 19. und 23. Juni. Karten: 040 / 35 68 68. www.staatsoper-hamburg.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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