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Auf der Achterbahn der Gefühle

Rockin' Lola im Die Komödianten Auf der Achterbahn der Gefühle

In den Stunden zwischen Mitternacht und Morgendämmerung haben die nüchternen Realitäten des Tages Sendepause und die Emotionen übernehmen das Ruder. So eine Nacht ist auch Ausgangspunkt der neuen Produktion Rockin’ Lola des Theaters Die Komödianten, die vor vollem Haus eine umjubelte Premiere feierte.

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Drei Nachtschwärmerinnen, die vor der Bar Lola Blond zusammenfinden (v. li.): Rike (Anna Nigulis), Victoria (Rafaela Schwarzer) und Ella-Carina (India Eva-Maria Roth).

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Drei sehr unterschiedliche Frauentypen lässt Regisseur Christoph Munk da vor der diesmal geschlossenen Bar Lola Blond aufeinandertreffen. Zwei von ihnen, die flippige Victoria (Rafaela Schwarzer) und die elegante Ella-Carina (India Eva-Maria Roth), wollen eigentlich noch feiern gehen. Doch das Schild verkündet: Closed! Während die obdachlose Rike (Anna Nigulis) das Geschehen zunächst von der Parkbank aus beobachtet. Und auch ein Straßenmusiker (Tillmann Dentler) hockt da noch irgendwo im funzeligen Licht einer einzelnen Laterne (Bühne: Bruni Giurini). Die Zutaten sind also angerichtet. Seit der Regisseur Franz Wittenbrink in den 1990er-Jahren die szenischen Liederabende kreierte, die nur an Hand von zusammenmontierten Gesangsstücken Geschichten erzählen, hat diese besondere Form der Musik-Show sich nachhaltig etabliert. Und auch Rockin’ Lola fügt sich aufs Unterhaltsamste in dieses Bild.

Alle Protagonistinnen sind gut bei Stimme

Das prima aufgelegte Ensemble liefert eine musikalische Reise, die ihre drei Protagonistinnen auf eine Achterbahn der Gefühle schickt. Alle drei Schauspielerinnen sind gut bei Stimme und wissen ihre Parts überzeugend zu nehmen. Wenn die motzige Lederjackenbraut Victoria (Kostüme: Moritz Vollmers) im Ärzte-Song Zu spät wütend skandiert: „Eines Tages werd’ ich mich rächen / ich werd’ die Herzen aller Männer brechen“, kauft man ihr das ohne Weiteres ab. Genauso wie der Perlenketten-Trägerin Ella-Carina ihr leises Entliebungslied Stormy Weather. Einen starken Kontrapunkt dazu liefert wiederum die Streunerin Rike, die über solcherart Sentimentalitäten nur den Kopf schütteln kann mit Gitte Haennings "So schön kann doch kein Mann" sein. Stimmig begleitet werden die drei vom Straßenmusiker, der von der klassischen Klavierballade über den Sixties-Orgel-Part bis zum Rocksong auf der E-Gitarre alle Stücke treffsicher musikalisch umsetzt. Und auch für einen Lacher ist er gut, wenn er das eine oder andere Mal stoisch das Background-Echo übernimmt.

Komische Überzeichnung und Charakterdetails

Regisseur Munk belässt es aber nicht bei dieser komischen Überzeichnung von Typen, sondern lässt jede der Frauen auch mal aus der vorgegebenen Reihe tanzen. Dann gibt sich die vornehme Ella-Carina wild (Let’s Spend The Night Together), die bodenständige Rike verletzbar (I’ll Kill Him) und die temperamentvolle Victoria ganz zart (Bei mir biste scheen). Schön auch, wie neben der Gesangsebene immer wieder kleine nonverbale Aktionen die Figuren charakterisieren. Wenn die Flaschensammlerin Rike ganz nebenbei die Handtasche von Ella-Carina klaut, die die sich umgehend wieder zurückholt.

Natürlich hat so eine Nacht auch ihre Durchhänger. Die schon lange totgespielte Lili Marleen kann auch diese Truppe nicht mehr zu Leben erwecken. Dafür gewinnt sie unerwartete Tiefe beim klassischen Volkslied In einem kühlen Grunde, ganz leise zu viert vorgetragen. Den Endpunkt setzt schließlich der Song Land in Sicht des immer großartigen Rio Reiser: „Morgenlicht weckt meine Seele auf.“ Der Tag hat die Vier wieder.

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