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Die Rütli-Verschwörer

Staatsoper Hamburg Die Rütli-Verschwörer

Der Staatsoper Hamburg ist es musikalisch recht beachtlich gelungen, Rossinis Prototyp einer Grand Opéra auf die Bühne zu bringen. Über die Inszenierung des „Guillaume Tell“ durch Roger Vontobel wird aber zu Recht gestritten.

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Die Tenor Yosep Kang als Arnold und Kristinn Sigmundsson als untoter Nationalheld Melchthal mit ihrem ewiggestrigen Gefolge.

Quelle: dpa

Hamburg. Hundert Jahre ist es erstaunlicherweise her, dass Gioacchino Rossinis letzte und kühnste Oper in Hamburg szenisch zu sehen war. Das Initialwerk der 1828 noch völlig neuen Gattung Grand Opéra war Vorbild für Meyerbeer und noch bis hin zu Verdi (Don Carlos). Seine groß dimensionierte Faszination teilt sich sofort mit, wenn hohe Hürden in der musikalischen Umsetzung genommen werden. Und genau das gelingt der Staatsoper in der Dammtorstraße recht beachtlich.

 Das geht schon bei der Besetzung einer wahnwitzig exponierten Tenorpartie los: 731 Töne muss der Sänger des Arnold, das blättert Jürgen Kesting im Programmheft hübsch auf, in höchster Lage liefern – darunter 19 Mal das „hohe C“, zusätzlich zweimal ein noch höheres Cis. Dem Koreaner Yosep Kang gelingt das bravourös, mit Strahlkraft und Leichtigkeit zugleich. Außerdem gibt er zugleich ausdrucksstark den zwischen eigener Entflammung und politischem Zwang Zerriebenen.

 In der Chinesin Guanqun Yu hat er als Mathilde von Habsburg eine stimmlich resonanzreich schillernde Wunschfrau aus dem feindlichen Lager an seiner Seite, die sich unter dem Druck der Dramatik nur ein bisschen schwertut, auch noch Rossinis Koloraturen locker perlen zu lassen. Eine stimmliche Herkulesaufgabe hat außerdem der Bariton mit der Titelpartie zu bestehen: Der russische Star Sergei Leiferkus macht das heldenhaft kantig, kann aber klanglich nicht mehr verhehlen, dass er in diesem Jahr 70 wird und dass ihm die französische Originalsprache so gar nicht liegt. Freude bereitet das frische Porträt, das die junge Opernstudio-Sopranistin Christina Gansch von Tells Sohn Gemmy zeichnet – ja, genau, der mit dem Apfel auf dem Kopf ...

 Sie alle lässt ein Rossini-Könner auf einem vollstofflichen orchestralen Gewebe schwimmen, das italienisches Temperament mit französischem Sentiment verbindet: Gabriele Ferro hat zwar einige Wackelkontakte zwischen Bühne und Graben zu verantworten, weiß aber spürbar genau, wie die um die Balletteinlagen erleichterte Pariser Originalfassung Wirkung macht. Auch der von Eberhard Friedrich einstudierte Chor brüllt sich nicht durchs Kampfgetümmel, sondern bietet viele Farbnuancen und Lautstärkeabstufungen.

 Szenisch betrachtet bekommt das Premierenpublikum dagegen Anlass zur Diskussion und reagiert gespalten. Denn der 1977 in Zürich geborene Schauspiel-Regisseur Roger Vontobel mag sich partout nicht auf das Rütli-Schwur-Pathos seiner Schweizer Heimat einlassen. Vom ersten Moment an denunziert er den Freiheitskampf der Eidgenossen als kriegstreiberische Verirrung von schnapslaunig Tümelnden, die aus Angst vor allem Fremden um sich schlagen wie die Pegida-Verführten in Dresden. Lange so zu tun, als seien die Habsburger Besatzer im Kern lauter Gutmenschen, die nur partiell von Negativfiguren wie dem brutalen Landvogt Gessler (Vladimir Baykov) zu Bösem verführt werden, aber eigentlich selber potentielle Überläufer um des lieben Friedens Willen sind, verdreht die Idee und musikalische Aussage der Rettungsoper anfechtbar.

 Allerdings erweist sich Vontobel auch als Könner. Wie er die Massen auf der rotierenden Einheitsbühne von Muriel Gerstner bewegt, das Liebespaar als wahre Alternative herausstellt, ist gut gemacht. Doch die höhnische Gleichsetzung der Freiheitsbewegten vor dem Ferdinand-Hodler-Wandgemälde L’Unanimité („Die Einmütigkeit“) mit Restaurationsbetonköpfen plus Wams und Speer (Mostüme Klaus Bruhns) sowie ihre Dekonstruktion sogar mittels faschistischer Stilmittel (beispielsweise erinnern die Taschenlampen beim Rütli-Schwur an Speers Reichspartteitags-Lichtgeorgel) überzeugt letztlich nicht.

www.staatsoper-hamburg.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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