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Die Gesellschaft, wie sie jetzt gerade ist

Vor der Studio-Premiere: Roland Schimmelpfennigs "Wintersonnenwende" Die Gesellschaft, wie sie jetzt gerade ist

Ein Paar, ein gemeinsamer Freund, die Mutter der Frau und ein Fremder, den sie im Zug aufgegabelt hat: Die Figurenkonstellation habe ihn gereizt, sagt Titus Georgi. „Diese Leute aus der Mitte der Gesellschaft, die angekommen sind, wo sie hinwollten, und deren Gefüge plötzlich so ein Fremdling in Unordnung bringt.“

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„Ein naturalistisches Setting ginge hier gar nicht“: Regisseur Titus Georgi und Ausstatterin Anika Marquardt im Studio.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Rudolph heißt der Mann, der in Roland Schimmelpfennigs Stück Wintersonnenwende am Vorweihnachtsabend bei Albert, dem Essayisten und Historiker, und Gattin Bettina, die Filme dreht, vor der Tür steht und die Gesellschaft mit Sprüchen infiltriert, „die auch ein Goebbels 1942 so hätte sagen können“. Und die Wohnzimmergesellschaft lässt sich beeindrucken ...

 Wie lange muss man an seinen Positionen festhalten? Und was passiert, wenn man sie aufgibt? Das sind die Fragen, die der Vordergründigkeit der Gespräche unterliegen. „Es hat eine besondere Leichtigkeit, mit der er das Banal-Skurrile mit dem gesellschaftlich Komplexen verstrickt“, sagt der Regisseur und Hochschullehrer für Schauspiel in Hannover, der von Schimmelpfennig auch schon Vorher/Nachher und Auf der Greifswalder Straße inszeniert hat und nach seinem Kiel-Debüt mit Ibsens Stützen der Gesellschaft 2015 jetzt im Schauspiel-Studio Wintersonnenwende auf die Bühne bringt. „Das ist manchmal kitschig, manchmal grotesk und manchmal toll.“

 „In den Dialogen steckt auch eine Sehnsucht nach einem gemeinsamen Wir“, sagt Georgi, „und dann kommt so ein Demagoge, der genau das spiegelt.“ Auch das schätzt er an Deutschlands meistgespieltem Gegenwartsdramatiker: „Die poetische Kraft, den sehr wachen, feinen und genauen Blick, mit dem er unsere Gesellschaft wahrnimmt – so wie sie jetzt gerade ist.“

 Für das Stockholmer Dramaten hat Schimmelpfennig das Stück geschrieben, wo es im Januar 2015 auch Uraufführung feierte. Dialoge, in denen die Figuren in halben oder abgebrochenen Sätzen reden und selten sagen, was sie sagen wollen. Dafür hat der Autor, in dessen Stücken das Ungesagte oft das Eigentliche erzählt, gesprochene Regieanweisungen und laute Gedanken zwischengeschaltet. „Seine Figuren sind eigentlich Selbstdarsteller, die sich neben dem Gespräch immer noch selbst erklären“, so Georgi, der die beiden Ebenen in seiner Inszenierung klar trennen will. Eine „artistische Herausforderung“ für die Schauspieler. „Sie sagen ihre Situation ja praktisch an“, sagt Dramaturgin Annika Hartmann, „und schaffen sich so ihren Raum.“

 Für den hat sich Ausstatterin Anika Marquardt von Schimmelpfennigs Regie-Anweisungen inspirieren lassen: „Das sind ganz aktuelle Wohnträume – ein bisschen Vintage und ein bisschen modern. Kuschelig, aber nicht zu sehr.“ „Im Grunde so eine neue Spießigkeit“, sagt Georgi. So ist ein Objekt entstanden, in dem sich modernes Möbel und traditionelle Weihnachtspyramide mischen. „Ein naturalistisches Setting ginge hier gar nicht“, so Georgi, „das Stück braucht die Imaginationskraft, die sich über das Spiel herstellt.“

 Premiere, 28. Februar, 19.30 Uhr (ausverkauft). Schauspiel-Studio Kiel. Weitere Termine: 2., 11., 16., 22. März. Kartentel. 0431/901901, www.theater-kiel.de

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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