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Das Strandgut der Gegenwart

Rolf Lappert Das Strandgut der Gegenwart

Er habe endlich eine Geschichte im Winter erzählen wollen, sagt Rolf Lappert lakonisch. Statt Amerikas Süden (Nach Hause schwimmen), dem norddeutschen Sommer (Pampa Blues) und den Philippinen (Auf den Inseln des letzten Lichts) diesmal grauer Himmel, grieseliger Schneeregen und händereibende Kälte.

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Rolf Lappert.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Und so verschlägt es Lennard Salm, den Helden in Über den Winter (Hanser Verlag), dem aktuellen, auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis verzeichneten Roman des Schweizers, von irgendeiner ortlosen Mittelmeerküste ins winterliche Hamburg. An den Rand der Großstadt, nach Wilhelmsburg, wo Salm aufgewachsen ist und wo sein alt gewordener Vater immer noch lebt.

„Meine Bücher beginnen oft an ganz anderen Orten“, sagt der Schriftsteller in der Buchhandlung Litera, wo er nach 2008 und 2010 zum dritten Mal liest. Und tatsächlich ist es, als müssten seine Figuren erstmal einen radikalen Ortswechsel vollziehen, um den Stillstand ihrer Leben überhaupt erst zu erkennen. Auch Salm hat sich festgefahren in der Sackgasse seiner Künstlerexistenz, als ihn zwischen den Nachbarn in der Feriensiedlung und der Entdeckung einer Kinderleiche in einem Flüchtlingsboot die Nachricht vom Tod seiner großen Schwester erreicht. Ausgangspunkt für eine Familiengeschichte, der sich Salm lange verweigert hat.

 Es geht um Lebensträume und um die Notwendigkeiten, denen sie zum Opfer fallen. Das gilt für die Familie, die plötzlich Salms Aufmerksamkeit fordert, wie für die Bootsflüchtlinge – Strandgut der Gegenwart, das sich dem künstlerischen Zugriff entzieht. Lappert lässt das Leben auf seinen Helden zukommen, bis der gar nicht mehr anders kann, als sich den Gegebenheiten zu ergeben. Das gerät zuweilen bis an den Rand des Gefühligen und kriegt die Kurve über die lakonische Gelassenheit der Erzählung. Die schildert auch das Merk- und Fragwürdige erstmal akribisch ab, ohne Wertung, ohne Erläuterung. Und Lapperts fließend poetische Sprache rollt in gemächlichen Wellen durch den Raum, ein rhythmisches Gleichmaß, das mitnimmt, was sich an Lebensbeobachtung findet.

 Und es zu filmischen Bildern verdichtet. „Die Szenen laufen in meinem Kopf ab wie im Kino“, sagt Lappert, der auch Drehbücher schreibt. „Insofern schreibe ich nieder, was ich sehe.“ Das leere Boot am Strand, das fröhliche Gewimmel auf der zugefrorenen Alster, den farbigen Portier im Hotel Babylon mit den mangelhaften Deutschkenntnissen. Zufallsbegegnungen, flüchtige Beweise für die Welt außerhalb von Salms Existenz. Und Lappert, der selbst Vielgreiste, bekennt: „Das öffnet den Blick. Und wenn ich in eine fremde Stadt komme, dann finde ich gerade diese Art von Begegnungen enorm bereichernd.“

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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