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Schwelgen bis zur Sättigung

Rolling Stone Weekender in Weissenhäuser Strand Schwelgen bis zur Sättigung

Kaum ist dieser mit 4000 Gästen ausverkaufte Rolling Stone Weekender Geschichte, warten die Macher mit einem höchst attraktiven Headliner für den nächsten auf: Wilco, die an einem neuen Studioalbum basteln, sollen im kommenden November ihren dritten Gig auf dem zweitägigen Festival im Ferienpark Weissenhäuser Strand geben.

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Zwei Generationen, eine Geisteshaltung: die britische Post-Punk-Funk-Band Gang Of Four mit (von links) Thomas McNeice, John „Gaoler“ Sterry und Andy Gill.

Quelle: Manuel Weber

Wangels. Eine gute Nachricht, die Band steht für innovativen Indie-Rock, der im Humus von Americana und Country gedeiht. Doch, der jüngste Weekender hätte eine Portion mehr straighten Rock vertragen können.

Denn allmählich mag man sie nicht mehr hören, diese Songs, die sich fast penetrant aufschwingen wollen. Dieses ständige Aufblühen, Jubilieren. In den Akkordfolgen oft vorhersehbar. Das Eigenwilligste ist, warum die einen damit enormen Erfolg haben, während die Karriere der anderen, die es ganz ähnlich machen, auf der Strecke bleibt.

 Lassen wir die graue Theorie, wenden wir uns lebendiger Praxis zu. Besagter Drang zur Theatralik und Dramatik findet sich exemplarisch bei Mercury Rev. Während aus der offenen Backstage-Außentür des knackvollen Baltic Saals das sozialkritische Gebelfer des englischen Punk-Hip-Hop-Duos Sleaford Mods herüberbellt, machen Mercury Rev Soundcheck. Der Auftakt The Queen Of Swans zeigt später, wo der Flug der US-Amerikaner hingeht: Sänger Jonathan Donahue breitet die Arme aus, imitiert mit beseeltem Blick weiche Flügelschläge und huldigt mit seiner hohen, sanften Stimme der Königin der Schwäne, während die Band das Stück in einem Marschrhythmus immer weiter nach oben pumpt.

 Was für eine Wohltat sind nach diesem prätentiösen Gepränge die makellos schönen Pop-Songs von Ron Sexsmith, die der scheue Kanadier dort im gut besuchten Baltic Saal solo zur Gitarre singt. Verlegenes Winken und „willkommen zu meinem Set, ich hätte nicht gedacht, dass irgendwer kommt“. Wohl nicht mal Understatement. Sexsmith singt über sein Lieblingstier, den Bernhardiner (Saint Bernard), auch seinen „vielleicht bekanntesten Song, wenn ich denn einen habe“, das schon von Rod Stewart und Leslie Feist gecoverte, 20 Jahre alte und zeitlos schöne Secret Heart und seinen „Lieblingssong von der neuen CD, wenn ich denn einen habe“, das wunderbare Sure As The Sky.

 Zwischen diesen Polen, Pomp und Purem, bewegen sich die Konzerte. Arkells aus Kanada liefern einen energiegeladenen Rock mit Springsteen-Appeal, nicht nur wegen des charismatischen Sängers Max Kerman. Ein mindestens ebenso großes Energiebündel ist Brittany Howard, Sängerin der fabelhaften Southern-Rock-Soul-Combo Alabama Shakes: Dramatik ohne Kitsch. Anders Father John Misty, der fällt zu schwelgerischem Folk-Pop mehrfach auf die Knie, schultert den Mikroständer – Rockstar-Posen aus dem Katalog. Die dem uneitlen Steve Earle fremd sind. Der Sänger und Gitarrist hat Songs vom neuen „fucking“ Blues-Album Terraplane im Programm, ansonsten gibt’s Rock, auch ein Cover von Hey Joe, dem er zwar nichts Neues hinzufügen kann, an dem er sich aber keinesfalls verhebt.

 Ein hyperaktives, fesselndes Indierock-Set liefern Death Cab For Cutie ab. Bloß keine Pausen, Sänger Ben Gibbard irrlichtert stark schwitzend über die Bühne, fliegende Gitarrenwechsel. Die fies sägende Gitarre ist das Markenzeichen von Andy Gill, dem einzig verbliebenen Gründungsmitglied von Gang Of Four. Doch auch personell verjüngt hat dieser bretternde Mix aus Post-Punk und Funk noch Biss, der grandiose Klassiker To Hell With Poverty zum Finale ist ein Fest. Warum der deutsche „Rolling Stone“ Niagara von John Southworth 2014 zum „Album des Jahres“ gewählt hat, ist auch nach dem Konzert im Baltic Saal nicht nachvollziehbar. Der kanadische Singer/Songwriter, der gut in einem Italo-Western einen Bestatter spielen könnte, singt seine schräg gebauten, aber nicht sonderlich aufregenden Stücke und covert Kurt Weill.

 Noch kurz zu den beiden Headlinern: Element of Crime liefern wieder zuverlässig Romantik (einmal ruft Sänger Sven Regener das Wort dann auch), romantisch wird es am Schluss des Festivals mit den Isländern Of Monsters And Men. Aber in ihrem Pop steckt es dann auch wieder, dieses Schwelgerische, Hymnische.

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