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Mit Rap und doppeltem Boden

Romano in Kiel Mit Rap und doppeltem Boden

Ungehorsam nahm der Rapper keine Rücksicht: Romano entflammte rund 200 Gäste im Orange Club - und sorgte nicht nur für Begeisterung, sondern auch ein wenig Nostalgie.

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Legte einen furiosen Tourstart hin und ließ die Zöpfe fliegen: Romano. Foto: Manuel Weber

Quelle: Manuel Weber

Kiel. Bei der letzten Nummer vor der Zugabe übernimmt der zivile Ungehorsam das Regiment. „Ich habe mit dem Bürgermeister von Köpenick telefoniert“, flunkert Romano den rund 200 Konzertgästen durchsichtig vor, und der habe es abgesegnet, dass jetzt zum Song Marlboro Mann alle hier rauchen dürften. Das lassen sie sich nicht zweimal sagen! Hurtig werden Zigarettenpäckchen und Feuerzeuge gezückt, auch Romano lässt sich von einem Fan Feuer geben, bevor er geschmeidige Reime über den cremigen Reggae-Hip-Hop-Groove gleiten lässt. Vielleicht rauchen da jetzt sogar welche, die sonst gar nicht rauchen – einfach aus Lust am coolen, kollektiven Tabubruch. Jedenfalls riecht es im Orange Club plötzlich wie früher immer bei Club-Konzerten, und das weckt auch bei einem mittlerweile Nichtraucher tatsächlich ein wenig Nostalgie.

Romanos eingangs im durchaus einladenden Ton formulierter Vorschlag, man könne ja heute zum Auftakt der Tour gleich mal zusammen „diesen Club abfackeln“, hätte also auch im wörtlichen Sinne umgesetzt werden können. Es ist eine etwa mit Deichkind vergleichbare Zwiespältigkeit und Hintergründigkeit, die jener vom 1977 in Berlin-Köpenick geborenen Roman Geike erfundenen Kunstfigur Romano anhaftet und die einen Gutteil ihrer Faszination ausmacht und natürlich Rätsel aufgeben soll. Liebt er seinen Köpenicker Kiez wirklich so? Oder seine prekäre „Mutti“, der er ein taufrisches Lied widmet („Hände nicht gewaschen, dafür Nagellack“) und die ihm „Zöpfe macht wie Snoop Dogg aufm Poster“, wie es in Immun heißt. Und die systemkritische Haltung, ist die echt oder anbiedernd?

Die Songs sind ein Spiegel dieser Ambivalenz, koexistieren dennoch friedlich und sind eigenartig stimmig trotz aller Widersprüchlichkeiten. Da ist das schwer erotisch aufgeladene Sextrain. Da ist die harsche, doppelbödige, agitative Wortkaskade in der Anti-Kapitalismus-Tirade Brenn die Bank ab zu einem aufputschenden Elektro-Rap-Monster, das zwischendurch in den Offbeat abbiegt, souverän und spursicher manövriert von Drummer Basti und Anton (Keyboards, Gitarre). Da ist das vom Publikum sehnsüchtig erwartete Klaps auf den Po, das sicher auch am Ballermann und im Bierzelt prima funktioniert. Da ist der schlagereske, softe Liebes-Rap Romano und Julia, zu dem der Zopfträger eine angebliche Julia aus dem Publikum (die ihren Part bravourös mitspielt!) umgarnt, inklusive Anstoßen mit einem Gläschen Sekt. Und da ist Metalkutte („niemals waschen, nur Mutti darf sie anfassen“), ein veritables Stück blutig gebratener Rock-Rap, zu dem Romano die goldfarbene Bomberjacke gegen eine Jeansweste voller Patches tauscht.

All das wird in eindrucksvoll bündig sitzenden Rhymes erzählt. Auch die Kompositionen bewegen sich im Genrevergleich auf hohem Niveau. Romanos Moves sind cool und wohldosiert, er tigert immer wieder über die Bühne, animiert, charmiert. Das Publikum ist Feuer und Flamme, kriegt drei Zugaben. Und draußen dann erst mal „einfach an der Ecke stehen – rauchen. Einatmen, ausatmen, rauchen“.

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