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McCartneys Momente für die Ewigkeit

Roskilde Festival 2015 McCartneys Momente für die Ewigkeit

John! George! Ihr da oben, helft uns, … die Sonne brennt! Das 45. Roskilde Festival mit 130.000 vor den Toren Kopenhagens, es war heiß und staubig. Ein Moment für die Ewigkeit war am späten Sonnabendabend der Auftritt von Ex-Beatle Paul McCartney.

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 Roskilde Festival 2015: Paul McCartney ermahnt die Zuschauer, sich immerwährend gegen Krieg einzusetzen.

Quelle: Rene Otto

Roskilde/Dänemark. Alles endet anschließend in der Nacht zu Sonntag mit einer fünfstündigen Mega-Show von Africa Express. Eine World-Music-Parade mit Gaststars wie Damon Albarn und Trentemøller. Kurz zuvor wird die Nachricht bekanntgegeben, dass das Africa-Express-Kollektiv eine Million Dänische Kronen (135.000 Euro) als Spende vom Roskilde Festival für ihre Arbeit in Kultur- und Bildungsprojekten mit jungen afrikanischen Musikern bekommen. 2,5 Millionen Euro an Überschüssen erwarten die Macher des Non-profit-Festivals in diesem Jahr. Ein starker jährlicher Nebeneffekt des Mega-Events.

Als Damon Albarn „Should I Stay Or Should I Go“ in die Nacht bellt, ist das „Beercycling“ längst in vollem Gange. 100.000 Liter Urin wurden auf dem Festival gesammelt, die als Dünger für Braugerste genutzt werden, aus der 2017 ein ganz spezielles Festival-Bier gebraut werden soll. Irgendwie typisch Roskilde! Für Blixa Bargeld, Sänger der Industrial-Legenden Einstürzende Neubauten, ist das sicher nichts. Der langjährige Gitarrist von Nick Caves Band The Bad Seeds und die Neubauten müssen aufgrund technischer Probleme verspätet auf die Bühne. Für das ausfransende, blecherne, dadaistische „Let’s Do It A Dada“ und Bargelds schmalztollige Nonchalance lohnt sich das Warten. „In keinem Diktionär / hat es den Eintrag je gegeben / Hawonnti! / Ba-ummpff! / Propagandada“. Herrlich, wie diese Sound-Pioniere hier auf ihre brachial eisenrohrigen Selfmade-Instrumente eindreschen, da poetische Zäsuren bis zur Schmerzgrenze ausreizen. Die deutschen Alt-Hippies vor der Avalon-Stage: beglückt. Der internationale Rest: verstört.

John! George! Ihr da oben, helft uns, … die Sonne brennt! Das 45. Roskilde Festival mit 130.000 vor den Toren Kopenhagens, es war heiß und staubig. Ein Moment für die Ewigkeit war am späten Sonnabendabend der Auftritt von Ex-Beatle Paul McCartney.

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Ein Heimspiel feiern die Dänen von Mew mit ihrem opulenten Dreampop auf der großen Orange Scene – Hauptbühne des Festivals. Die eskapistischen Werke der 2015 auf ein Trio geschrumpften Band bleiben der größte Pop-Hymnus, den Dänemark derzeit zu bieten hat, nach „The Zookeeper’s Boy“ und Jonas Bjerres Falsett wachsen nachts um drei plötzlich Flügel an den schweren Festival-Beinen. Das sind die Roskilde-Momente, die man nicht verpassen darf. Genauso wenig wie die super-talentierten schwedischen Folk-Schwestern First Aid Kit, und irgendwie sogar das pompöse Hinterteil von Rapperin Nicki Minaj („Anaconda“). Muss man eben einmal gesehen haben, kann sich im dumpfen HipHop-Phrasenregen dann aber auch schnell stärken für den Sir. Der kommt im Rahmen seiner „Out There!“-Tour pünktlich, und doch ist die Liebe zwischen „Macca“ und der Roskilde-Masse zuerst eine langsame, zaghafte, die sich durch fast drei Stunden und 39 Songs – darunter 25 Beatles-Klassiker – spinnt. Sie knospt mit „Magical Mystery Tour“, braust frühzeitig auf („Good Day Sunshine“, „Paperback Writer“), erlebt bei kontemplativen Momenten wie dem McCartneys verstorbener Frau Linda gewidmeten „Maybe I’m Amazed“ aber auch Krisen und merkbar durch die Crowd mäandernden Verdruss.

Doch der 73-Jährige Megastar macht immer wieder den ersten Schritt, weiß eine gigantisch in jedem Tempo brillierende Band hinter sich, dosiert hier Wings-, da Solo-Stücke mit Bedacht, zieht das Tempo vor den Zugaben nicht schön, aber naheliegend schunkelig an („Ob-La-Di, Ob-La-Da“). Und dann hat er sie alle: „Let It Be“, „Live And Let Die“, „Hey Jude“. Die große blonde Dänin tanzt, ihre Tochter tanzt, die Enkelin auch. Generationen umspannend liegen sich bei diesem musikhistorischen Parforce-Ritt alle in den Armen. Ein beeindruckendes Feuerwerk illuminiert den Vollmond-Himmel. Zugaben, das finale Versprechen ewiger Treue: McCartney kommt, einen riesigen Danebrog schwingend – Nationalflagge der Dänen –, zurück auf die Bühne, holt zwei Mädchen nach oben. Die eine will nur eine Umarmung, schluchzt vor Glück, die eine ein Autogramm auf ihrem Arm als Tattoo-Vorlage. McCartney schreibt seinen Namen, eine lange Widmung, gibt sich sympathisch, nahbar, irgendwie keck. Tosender Applaus. Nicht enden wollend. Der große, alte Beatle. Dann das 1964er „Can’t Buy Me Love“. Ein Moment zum Weinen. Ein Moment für die Ewigkeit.

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