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Herrlicher Wahnsinn

Rossini Opera Festival Herrlicher Wahnsinn

Für das Rossini Opera Festival (ROF) flossen die Gelder noch vor gar nicht langer Zeit sehr viel üppiger als in diesem Jahr. Jetzt muss man auch hier den Gürtel enger schnallen: Statt der üblichen zwei Neuinszenierungen gibt es nur noch eine, und diese muss mit einem sehr begrenzten Budget auskommen.

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Szene aus Rossinis Oper „La gazetta“ in Pesaro.

Quelle: Rossini Opera Festival

Pesaro. Die einst sehr begehrten Premieren in dem nur 800 Plätze umfassenden Teatro Rossini sind nicht ausverkauft, obwohl die Preise (zwischen 40 und 180 €) für ein so renommiertes Festival recht moderat sind. Aber hier beherrscht man die Kunst, aus der Not eine Tugend zu machen und das Festival so attraktiv wie eh und je zu gestalten. Neben zwei vorzüglichen Wiederaufnahmen („La gazza ladra“ und „L'inganno felice“) gibt es nicht nur die brillante Neuinszenierung der „Gazzetta“, sondern auch Aufführungen von Rossinis „Messa di Gloria“ (mit Juan Diego Flórez!) und den altersweisen „Péchés de vieillesse“ mit so großartigen Pianisten wie Bruno Canino und Alessandro Marangoni.

 „Wenn Sie in Ihrem Leben noch nie gelacht haben,“ riet der große französische Romancier Stendhal einem mürrischen, sittenstrengen Engländer vor zweihundert Jahren, „dann fahren Sie nach Neapel und schauen sich Rossinis „La gazzetta“ an.“ Jetzt aber müsste er nach Pesaro fahren, denn was der Regisseur Marco Carniti mit leichter Hand auf die Bühne des Teatro Rossini gezaubert hat, ist von umwerfender Komik und derartig quirlig, dass die dreistündige Oper wie im Fluge vergeht. Carniti kommt mit einigen verstellbaren Teilen eines langen Laufstegs aus und erzielt schöne Effekte mit phantasievollen Kostümen im Stil der 50er Jahre und einer ausdrucksstarken Lichtregie. Es ist deutlich zu merken, dass Carniti vom Ballett kommt, denn das bunte Geschehen auf der Bühne ist von tänzerischer Leichtigkeit, besonders in den quicklebendigen Ensembles. Da jagt eine witzige Pointe die andere und mit jeder Steigerung drehen sich die rossinischen Rouladen schneller und schneller bis hin zur ekstatischen Klimax. Das alles findet seine optische Entsprechung bis ins kleinste Detail: Zeitungen fallen in langen Bahnen von oben herab, Buchstaben werden durcheinander gewirbelt und ergeben ständig neuen Sinn, blitzschnell verändert sich die Bühne in einen Boxring – wenige Mittel erzielen große Wirkungen!

 Worum geht es in der 1816 für Neapel komponierten „Gazzetta“? Der reiche, aufgeblasene Don Pomponio ist auf die absurde Idee gekommen, eine Annonce aufzugeben, um für seine Tochter Lisetta einen standesgemäßen Mann zu finden. Diese aber hat sich längst für Filippo, den liebenswerten Besitzer eines Pariser Hotels, entschieden, und als auch noch eine wichtigtuerische Madama La Rose und ein weiterer Vater mit Tochter im selben Hotel mit ähnlichen Heiratsabsichten auftaucht, sind Irrungen, Wirrungen und Verwechslungen vorprogrammiert. Eine gute Aufführung der „Gazzetta“ steht und fällt mit der Besetzung des Don Pomponio, und den hat Pesaro zu bieten, denn Nicola Alaimo ist ein Buffo-Darsteller par excellence. Er kann seine gewaltige Körperfülle zu urkomischen Effekten nutzen, um so das Lächerlich-Pompöse des übergeschnappten reichen Mannes zu unterstreichen. Carniti lässt ihn stets von dem stummen, bei Rossini nicht vorgesehenen Tommasino begleiten, der dem Don mit sklavischer Unterwürfigkeit dient und durch akrobatisch anmutende Verrenkungen den Willen seines Herrn gestenreich interpretiert. Eine absolute Glanzleistung der Regie!

 Enrique Mazzola führt das Orchester des Teatro Comunale di Bologna mit Verve durch die Partitur und trifft deren Prosecco-Laune und all die herrlichen Absurditäten dieser vor Lebenslust geradezu überschäumenden Musik ganz genau. Da kann Hasmik Torosyan als eigenwillige Lisetta ihren brillanten, blitzsauberen Sopran optimal zur Geltung bringen, Vito Priante (Bariton) ist ein mit allen Wassern gewaschener Filippo, und Maxim Mironov als liebeshungriger Alberto begeistert mit schlankem, biegsamen Tenor.

 Wenn dann das turbulente Geschehen seinem Höhepunkt zusteuert, wenn bei dem quirligen Durcheinander der Schlussszene die Komik ins Absurde gesteigert wird und alle vom Zauberstab des rossinischen Wahnsinns berührt worden sind, dann ist der richtige Augenblick für eine politische Botschaft gekommen. Marco Carniti verdeutlicht die Notwendigkeit von Kultur durch einen gekonnten coup de théâtre und führt so den unsäglichen, oft zitierten Ausspruch des italienischen Finanzministers Tremonti, Kultur sei eigentlich überflüssig (Con la cultura non si mangea), ad absurdum.

 Das Publikum bedankte sich bei allen Beteiligten mit frenetischem Applaus. Die zu Unrecht selten gespielte „Gazzetta“ ist durch diese brillante Interpretation glänzend rehabilitiert worden.

 www.rossinioperafestival.it

 Das Festival dauert noch bis zum 22. August. Im nächsten Jahr wird die Neuinszenierung der „Donna del lago“ im Mittelpunkt des Festivals stehen.

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