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Ein Meer an Bach-Erkenntnissen

SHMF: András Schiff in Flensburg Ein Meer an Bach-Erkenntnissen

Johann Sebastian Bach sei der größte Komponist aller Zeiten, daran lässt Sir András Schiff keinen Zweifel. Und das Faszinierende ist, er tritt im voll besetzten Deutschen Haus Flensburg auch gleich den Beweis an: als moderierender und manueller Aufklärer des pianistischen „Himalaya“, der Goldberg-Variationen. Nach zwei Stunden signalisieren 1400 stehend applaudierende Schiff-Jünger: Der Mann und Beethoven haben Recht – nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen ...

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Charmanter Moderator, genialer Interpret: András Schiff in Flensburg.

Quelle: Axel Nickolaus

Flensburg. Der scheue, aber erstaunlich charmante, ja ironisch gewitzte Schwerpunktkünstler des SHMF-Sommers ist sofort angekommen im Herzen der Festivalgemeinde. Wie der österreichisch-britische Europäer, der seiner ungarischen Heimat aufgrund ihrer nationalistischen und antisemitischen Tendenzen den Rücken zuwandte, da am Steinway sitzt und mit wohlgesetzten Worten und locker aus den Handgelenken eingestreuten Tonbeispielen die barocke Klangkathedrale des Bachschen Spätwerks anschaulich macht, ist eine Offenbarung. Er beschreibt die „göttliche Architektur“, in der man jede Wiederholungsanweisung streng zu beachten habe, damit man sich nicht der „Todsünde“ einer Destabilisierung der Balance schuldig mache. Er demonstriert die zentrale Themengrundlage im Bass, verweist auf die einbezogenen Tanzrhythmen und die Zahlenmystik, unterscheidet die Charakterstück-Variationen von den wahnwitzig virtuosen Kapriolen à la Scarlatti und den konsequent implantierten Kanons mit ihren sich stetig steigernden Intervallabständen.

 Auch die eigentlich a-historische Verbiegung und die spieltechnischen „Verkehrsschwierigkeiten“ bei der Übertragung vom zweimanualigen Cembalo auf den zum Überkreuz der Hände zwingenden einmanualigen modernen Konzertflügel verschweigt der Sammler alter Tasteninstrumente nicht: „Man sollte eben tunlichst keine Manschettenknöpfe tragen, wenn man das Werk spielt ...“. Vor allem aber gibt er ein Gefühl dafür, wie planvoll der dreiteilige Kosmos der 30 Variationen über das rahmende Thema gestaltet ist: ein irdisches Triptychon über Tod, Auferstehung und Heimatgefühle.

 Das alles bliebe graue Theorie, wenn Schiff nicht auch noch ein genialer Interpret dieser Anfang der 1740er-Jahre gedruckten Klavierübung BWV 988 des Thomaskantors wäre. Im Konzertteil übertrifft er sich und sogar seine längst neben Glenn Gould und Rosalyn Tureck legendäre eigene CD-Einspielung von 1991. Wie da die Aria und ihre Transformationen in lupenreiner Klarheit zum Singen gebracht werden, Wiederholungen kleine Veränderungen wie Verzierungen oder Schwerpunktverlagerungen erfahren, Pointen gesetzt, Charaktere getroffen, kontrapunktische Beziehungen verdeutlicht werden, ist schlichtweg grandios. Mit extrem sparsamem Pedalgebrauch scheint Schiff alle denkbaren Facetten gleichsam von innen zu erleuchten. Auf welche Weise dann auch noch die Moll-Variationen – wie die in die gehaltene Stille verschwebende 15. oder die berührend schlicht gestaltete 25. als „schwarze Perle“ – die Passionsmusiken heraufbeschwören, um sich dann ins Festlich-Pompöse einer französischen Ouvertüre oder ins quicklebendig hervorgurgelnde Bächlein emotional zu lösen, ist kollektiv atemberaubend. Und man muss gar kein Klaviermusikgourmet sein, um das Vergnügen zu spüren, mit dem Schiff hochvirtuose Akzente setzt, die Schlussteile grandios steigert und ins humorvolle Quodlibet mit seinen Gassenhauern einbiegen lässt. Ein großer Festivalabend.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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