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Birgit Minichmayr und die Kraft der Musik

SHMF Birgit Minichmayr und die Kraft der Musik

Den Komponisten Joseph Haydn (1732-1809) und den Schriftsteller Wolfgang Herrndorf (1965-2013) bringt das Projekt "Letzte Worte" am Freitag in Kiel zusammen. Die Passionsmusik "Die sieben letzten Worte des Erlösers am Kreuz" trifft auf den Textblog, in dem Herrndorf das Leben mit dem tödlichen Hirntumor reflektiert. Birgit Minichmayr liest.

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Beim Konzert des Ensemble Resonanz rezitiert der Wiener Theaterstar Birgit Minichmayr aus den posthum unter dem Titel Arbeit und Struktur veröffentlichten Texten.

Quelle: William Minke

Kiel/Wien. Beim Konzert des Ensemble Resonanz rezitiert der Wiener Theaterstar Birgit Minichmayr aus den posthum unter dem Titel Arbeit und Struktur veröffentlichten Texten.

Wie oft haben Sie Herrndorfs Roman „Tschick“ gelesen?

 Tschick war das einzige Buch, das ich von Wolfgang Herrndorf kannte, als ich mit der Arbeit an dem Rezitationsabend angefangen habe. Und ich habe es, wie alle anderen wahrscheinlich auch, verschlungen.

 Jetzt lesen Sie aus Herrndorfs nachgelassenen Texten „Arbeit und Struktur. Dazu spielt das Ensemble Resonanz Haydns „Letzte Worte“. Wie passt das für Sie zusammen?

 Ich war erstmal erstaunt, dass das Ensemble Resonanz eine weibliche Stimme haben wollte. Das sind ja Tagebuch-Notizen, und Herrndorf hat sie natürlich in Ich-Form geschrieben. Aber dann ging es gerade darum, dass es nicht die totale Identifikation sein sollte, sondern um eine gewisse Distanz, die sich schon über die weibliche Stimme herstellt. Und mich hat berührt, wie er seinen Weg zum Selbstmord hin beschreibt.

 Das ist harter Stoff – schreckt Sie so etwas in Ihrer Arbeit?

 Nein. Die Klarheit, mit der Herrndorf auf seine Krankheit blickt, hat mich getroffen. Und welche Fragen er dabei aufwirft. Als ehemalige Klosterschülerin, die damit aufgewachsen ist, dass es für Selbstmörder auf dem Friedhof keinen Platz gibt, finde ich den Aufführungsort Kirche schon sehr reizvoll.

 Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem Ensemble Resonanz?

 Ich kenne das Ensemble Resonanz von meiner Begegnung mit Karin Beier, als ich 2014 am Schauspielhaus Hamburg in Die Rasenden die Elektra spielte. So wusste ich, dass ich bei ihnen in den besten Händen bin.

 Sie spielen auf den ganz großen Bühnen und im Film – was reizt Sie an der kleinen Form eines Rezitationsabends?

 Die Arbeit mit einem Orchester habe ich als Schauspielschülerin kennengelernt, wenn Klaus Maria Brandauer uns auf seine konzertanten Lesungen mitgenommen hat. Peer Gynt zum Beispiel – da hat man als Schüler ein paar kleinere Texte zu lesen bekommen. Dazu gab es Orchester und Chor, und ich fand es wahnsinnig beeindruckend, welchen Teppich man da unter den Füßen hat durch die Kraft der Musik. Aber eigentlich mag ich einfach die Vielfalt der Auftrittsformen.

 Gibt es dennoch eine Form, die Sie bevorzugen – Theater oder Film?

 Ich würde beides nicht gegeneinander ausspielen wollen.

 Wie gehen Sie mit dem Wechsel des Mediums um? Müssen Sie da einen Schalter umlegen?

 Die Masse, die man im Theater zu bedienen hat, und die Intimität, die eine Kamera verlangt – das ist energetisch durchaus ein Unterschied. So wie ich im Burgtheater vor 1300 Leuten spiele, das könnte die Kamera vielleicht zum Tanzen bringen. Da setzt man natürlich viel mehr ein, um auch in den dritten Rang hochzukommen.

 Sie werden mit Attributen wie hochenergetisch beschrieben; Monica Bleibtreu hat 2003 bei der Verleihung des Ulrich-Wildgruber-Preises über Sie gesagt: Birgit Minichmayr verschwendet sich. Gilt das noch?

 Der Begriff Verschwendung wurde immer so sorgenvoll konnotiert – so sehe ich das gar nicht. Ich verstehe ihn eher positiv als Verausgabung und Auseinandersetzung mit der Arbeit. Natürlich will man auch mitreißen, unterhalten. Dafür muss man im Theater, je nachdem, wie das Publikum drauf ist oder man selber, sich selbst mehr oder weniger intensivieren.

 Fällt es schwer, dann bei einem Rezitationsabend wie jetzt mit Herrndorf auf Distanz zu gehen?

 Es verbietet sich einfach, in diesen Text so eine Stellvertreter-Empathie hineinzulegen. In will einfach diese Gedanken Herrndorfs verfolgen, diese Suche nach einem Ausgang. Er kann sich nicht damit abfinden, dass er vom Tumor zerlegt wird, aber schon, sein Leben aktiv zu beenden. Diese vielfältigen Reflexionen rüberzubringen ist die Aufgabe. Das darf man gar nicht zu sehr an sich heranziehen, sonst lässt man dem Zuschauer keinen eigenen Atem mehr dafür. Außerdem gibt ja bei aller Trauer auch Stellen die sehr humorvoll sind. Es ist vielleicht deshalb ganz gut, dass nicht so eine permanente Schwere über dem Abend liegt.

 Wonach suchen Sie Ihre Rollen aus?

 Ich schaue mir an, was mir angetragen wird und habe dann die Möglichkeit zu- oder abzusagen. Wunschrollen habe ich gar nicht; da spielt eher das Gesamtpaket eine Rolle: Welcher Regisseur ist dabei? Wer sind meine Partner. Die Frage ist immer: Mit wem kann ich die Geschichte erzählen? Ich sehe meine Arbeit da immer als Einzelleistung in Teamwork.

 Wie schwierig ist es, in so einer Inszenierung auf einen Nenner zu kommen?

 Klar, man hat sein eigenes Bild, der Regisseur auch, und dann gibt es manchmal den ein oder anderen Durchsetzungskampf. Aber das ist eben die Auseinandersetzung mit dem Material. Es kommt auch immer wieder vor, dass man kurz vor der Premiere noch etwas umschmeißt, weil man plötzlich denkt, man muss alles von einer anderen Ecke her nehmen. Die Lesart ist ständig in Bewegung. Manchmal passiert es auch, dass ich selbst nach Jahren in einem Stück immer wieder etwas Neues entdecke. Das hält das Theater lebendig und macht mir Spaß.

 Spielen Sie lieber die Klassiker oder Zeitgenössisches?

 Das kann ich gar nicht sagen. Zum Inhalt muss ich eine Verbindung herstellen können. Den Text zu kennen, ist wichtig. Außer bei René Pollesch, da entsteht er erst während der Arbeit. Aber es ist immer sehr sehr aufregend, mit ihm zu arbeiten, da ist der Genuss vorprogrammiert.

 Ihr Schauspiellehrer war Klaus Maria Brandauer – kann er Sie heute noch etwas lehren?

 Er hat mal mit einem Lächeln gesagt: Erziehung gibt dem Menschen nichts, was er nicht aus sich selbst heraus haben kann. Die Auseinandersetzung entsteht durch seine reine Gegenwart, durch seine Art der Betrachtung. Er hat ja viele Facetten: lehrreich, humorvoll, streitbar. Man sieht sich jetzt nicht mehr soviel wie an der Schauspielschule, aber ich bin ihm immer noch sehr nah.

 Fr, 29. Juli, 20 Uhr, Kieler Schloss. Sbd, 30. Juli, 20 Uhr, MuK in Lübeck. Kartentel. 0431/237070.

www.shmf.de

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