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Vergnügen und Verstörung

SHMF: Familie Flöz im Schauspielhaus Vergnügen und Verstörung

Die Familie Flöz hat sich seit einigen Jahren einen festen Platz im Programm des Schleswig-Holstein Musik Festivals wie auch im Herzen des Kieler Publikums erobert. Man schätzt die wortlosen Grenzgänge zwischen Pantomime und Slapstick, auf die sich die maskierten Schauspieler der heute in Berlin residierenden Company spezialisiert haben.

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Flüchtlingsströme in Aktenordnern: Büroalltag der Familie Flöz.

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Vor diesem Hintergrund erscheint einem am Dienstagabend im Kieler Schauspielhaus vieles vertraut, manches aber auch ganz anders als gewohnt. Dass auf der Bühne gesprochen wird, ist neu , dass die darauf agierenden Bürokraten, die hier einen neuen Kollegen aus Costa Rica in ihre Arbeitswelt einführen, keine Masken tragen, ebenfalls. Doch kaum beginnt dieser damit, sich selbst vorzustellen, verwandelt sich die Sprache in unverständliches Grammelot, das alle Mitwirkenden den Rest des Abends in unterschiedlichen Färbungen sprechen werden. Rasch zeigt sich, dass diese Dialekte eine Chiffre für Europa bilden und Pedro bei einer internationalen Grenzbehörde angeheuert hat.

 Die Ebene der Bürokratie ist die eine Realität, die Andrés Angulo, Björn Leese und Hajo Schüler in dem Stück Haydi! unter der Regie von Michael Vogel fokussieren, das aus dem Jahr 2014 stammt und wie ein Kommentar zur Flüchtlingskrise von heute wirkt. In dieser Wirklichkeit zeigen sich Flüchtlingsströme vor allem in Form von Aktenordnern und Diagrammen, die zugleich nicht mehr als banale Utensilien eines austauschbaren Büroalltags sind. In diesem reihen die drei Schauspieler flöztypische Slapstickszenen aneinander, bewegen sich perfekt choreografiert zwischen Arbeitsplatz, Kaffeeautomat und Kantinentisch (Bühnenbild: Markus J. N. Trapp; Kostüme: Ottavia Trama) hin und her. Wie die Büromenschen selbst könnte man als Zuschauer vor dem Hintergrund dieser eindrucksvollen Lachnummern fast vergessen, dass es zwischen den Aktendeckeln um erschütternde Schicksale geht.

 Doch ein rotes Tuch, das in einem der Ordner steckt, symbolisiert die Geschichte einer Flüchtlingsfamilie, die auf eine szenisch mit den Bürowelt verschachtelte, aber zugleich parallel präsentierte Weise erzählt wird. Es ist der neue Mitarbeiter, der ihr nach dem Fund einer Kinderleiche auf die Spur kommt. Um ihre Stationen anzudeuten, greift Familie Flöz hier auf von Hajo Schüler gestaltete Masken und Puppen sowie Filmszenen (Lichtgestaltung und Video: Reinhard Huber; Animation: Andreas Dihm) zurück. Die illustrative Musik des Ensembles Franui und das atmosphärisch dichte Sound Design Dirk Schröders erfüllen die Doppelwelten dieser Produktion auch auf klanglicher Ebene mit Bedeutung.

 Während der anderthalb Stunden Spielzeit reimt sich für den Zuschauer Vergnügen zusehends auf Verstörung. Überdeutlich spürbar bleibt bei alledem stets der didaktische Anspruch von Haydi!, das motivisch nur vage auf Johanna Spyris berühmte Waisenkind-Geschichte Bezug nimmt. Insbesondere in Sachen inhaltlicher Schlichtheit allerdings lassen sich Entsprechungen finden. Dass einem diese im Falle der Familie Flöz erst lange nach dem von großem Beifall begleiteten Ausklang ihres Gastspiels zu Bewusstsein kommen, spricht für dessen darstellerische Eindringlichkeit. Die Vorstellung wird noch Donnerstag und Freitag um jeweils 20 Uhr im Kieler Schauspielhaus wiederholt, ist aber weitgehend ausverkauft.

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