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Die schwarze Blume der Romantik

SHMF: Grigory Sokolov im Kieler Schloss Die schwarze Blume der Romantik

Es ist faszinierend: Da begegnen wir beim SHMF 2016 zwei der international führenden Pianisten, deren Persönlichkeiten und Spiel unterschiedlicher nicht sein könnten. Und beide fesseln uns auf eigene Weise.

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Existenzielle Interpretation: Grigory Sokolov im abgedunkelten Konzertsaal des Kieler Schlosses.

Quelle: fotonick - ehr

Kiel. Grigory Sokolov, dessen Klavierabend am Sonntag im Kieler Schloss einmal mehr Begeisterung erregt, und András Schiff, der diesjährige „Artist in Residence“. Kommt Schiff mit zehn verschiedenen Programmen in den Norden, die vom Soloabend über Lied- und Ensemblebegleitung sowie Kammermusik bis zum Orchesterkonzert reichen, so spielt Sokolov mittlerweile nur noch Soloabende und tritt ein Jahr lang mit einem einzigen Programm auf, dessen Hälften sich halbjahresweise gegeneinander verschieben. Führte Schiff sein Publikum kürzlich in Flensburg charmant-sachkundig in Bachs Goldberg-Variationen ein, ehe er diese hochkonzentriert spielte, so erlebt Sokolovs Publikum im stark abgedunkelten Saal gespannt mit, wie Pianist, Musik und Flügel sich selbst ganz genügen.

 Auch das Musizieren beider Pianisten ist – oder besser: erscheint – höchst verschieden. Könnte man Schiffs Spielsensibilität eher „objektiv“ nennen, dann wäre diejenige Sokolovs weit „subjektiver“: Er kann die Musik ungeachtet all seiner interpretatorischen Gedankentiefe nur so spielen, wie er sie fühlt. Dafür ist sein Kieler Konzert mit Schumann (Arabeske C-Dur op. 18, C-Dur-Fantasie op. 17) und Chopin (Nocturnes op. 32, b-Moll-Sonate op. 35) vor allem in der Schumann-Hälfte bezeichnend. Die Arabeske überschrieb Schumann mit „Leicht und zart“ und verordnete ihr ein hurtiges Tempo, bei dem nicht „Melodie“ die Hauptsache ist, sondern das Ineinandergreifen ornamentaler Spielfiguren (genau so zu hören vor Jahren von Schiff). Bei Sokolov erleben wir dagegen die „Entdeckung der Langsamkeit“, bei der die (noch) „etwas langsameren“ Zwischenteile zu Psychodramen werden, ehe in der Coda die Zeit ganz stockt.

 So sind wir vorbereitet auf den Beginn der dreisätzigen Fantasie, bei der Sokolov Schumanns Anweisung „Durchaus phantastisch und leidenschaftlich vorzutragen“ ins Pathetische umdeutet, wenngleich mit vielen Zwischentönen und betörenden Piano-Inseln (die im Saal leider immer wieder rücksichtslos zerhustet werden). Aber er bremst die Musik doch auch aus, sodass sie deklamierend am Boden bleibt, statt ins Sternenflimmern zu fliegen. Der marschartige Mittelsatz beginnt ebenfalls recht gemessen, doch Sokolov entdeckt zwischen den Zeilen geheime Schätze. Und die pianistisch teuflische Coda entwickelt bei ihm einen so unerbittlichen (und perfekten) Ausdruckssog, dass man Herzklopfen bekommt.

 In Chopins Nocturnes denkt, fühlt und spielt Sokolov direkter, weniger durch die schwarze Blume der Romantik. Und die b-Moll-Sonate? Auch dort wirken die keinesfalls rasanten Tempi der ersten beiden Sätze aufs erste Hören hin sehr „subjektiv“. Aber Sokolovs Subjektivität erweist sich als konsequente, wenn auch mitunter ins Extrem getriebene Umsetzung von Chopins Spiel- und Ausdrucks-Forderungen. Daraus entsteht eine existenzielle Interpretation. Die bleibt der Zerrissenheit des Kopfsatzes, der Wucht und Innigkeit des Trauermarsches, dem Rätselcharakter des Finales nichts schuldig. So endet ein großer Abend mit stehenden Ovationen und in der „dritten Konzerthälfte“ mit Sokolovs Zugaben-Maximum: sechs (Schuberts Moments musicaux op. 94/2–6, dazwischen Chopins h-Moll-Mazurka op. 30/2).

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