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"Für alle Seiten beglückend"

SHMF "Für alle Seiten beglückend"

Das Schleswig-Holstein Musik-Festival ist in dieser Saison von 151.000 Musikfreunden besucht worden. Damit wurde der Rekord von 2015 mit rund 154.000 Besuchern nicht ganz erreicht. Die Auslastung lag bei 84 Prozent. Das Jubiläums-Festival klingt am 28. August mit dem Oratorium „Die Schöpfung“ von Schwerpunkt-Komponist Joseph Haydn in der Kieler Sparkassen-Arena aus. Mit diesem Oratorium hatte Leonard Bernstein vor 30 Jahren den musikalischen Grundstein für das erste SHMF gelegt. Im Interview zieht SHMF-Intendant Christian Kuhnt positiv Bilanz.

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Faszinierendes Kaleidoskop

Christian Kuhnt üŸberreicht Sir Andras Schiff nach einem Konzert im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals in der Laeiszhalle in Hamburg ein aus Papier gefaltetes Schiff mit der Aufschrift "Danke, Sir Andras!".

Quelle: Olaf Malzahn

Kiel. Herr Kuhnt, herzlichen Glückwunsch zu einem hochwertigen und erfolgreichen SHMF 2016. Aber warum war ausgerechnet die Festivalhochburg Kiel in diesem Jahr ein etwas schwieriger zu verkaufendes Pflaster?

Mir fallen nur zwei Konzerte ein, bei denen wir über die geringere Auslastung überrascht waren. Das war bei Giovanni Antonini und bei Ivo Pogorelich. Auf der anderen Seite war es doch erfreulich, dass die Beiträge zum Haydn-Schwerpunkt von Ton Koopman und Thomas Hengelbrock mehr als ausverkauft waren. Es ist im Vorfeld anscheinend nicht gelungen, Antonini als einen der wichtigsten Haydn-Interpreten unserer Zeit auszuweisen.

 

 Spielt da schon der Zustand des Kieler Schlosses eine Rolle mit?

 Es ist immer einfach, die Verantwortung woanders zu suchen. Da das Schloss sich aber in den letzten 51 Jahren nicht verändert hat, wäre es kurios zu sagen: Jetzt auf einmal ist es weniger attraktiv ins Schloss zu gehen. Der Zustand ist seit vielen Jahren unverändert. Und: Wir haben uns mutig für Joseph Haydn als Schwerpunktkomponisten entschieden, gerade weil er nach wie vor im Schatten von Beethoven und Mozart steht. Wir haben viele Beispiele, wo es uns dennoch überrascht hat, wie gut es lief.

 

 Man müsste wohl noch Birgit Minichmayr nennen. Und beim Orchester aus Rotterdam gestern Abend hat es trotz des Stars Nezet-Séguin am Pult und den Capucon-Brüdern als Solisten lange geklemmt.

 Für Minichmayr hatten wir eigentlich nach einem intimeren Rahmen für ein musikliterarisches Programm dieser Art gesucht. Den Anspruch zu haben, dass so ein Abend 1400 Leute anlockt, das wäre vermessen. Rotterdam konnten wir lange nicht verstehen, war aber am Schluss doch nahezu ausverkauft. Das sind Überraschungen, die einen frisch halten ... Im Kieler Abschlusskonzert am Sonntag in der Sparkassen-Arena sind derzeit schon 3500 Besucher angemeldet - das ist ja inzwischen die schöne Tradition eines gemeinsamen Festes, das wir dort feiern. Ganz bewusst außerhalb der üblichen Konzertstätten – und um unseren Chor präsentieren zu können.

 

 Nun ist Rotterdam keine Orchesteradresse, die Scharen anziehen ...

 Aber Yannick Nezet-Séguins Weltruf hat viel damit zu tun, dass beide eine phantastische künstlerische Partnerschaft eingegangen sind. Ich fand das extrem reizvoll, weil das ja jetzt ihre gemeinsame Abschiedstournee ist. Vielleicht lag die anfängliche kleine Kiel-Delle aber auch daran, dass wir außerhalb Kiels Gelegenheit hatten, dem Haydn-Schwerpunkt zu frönen. Sicher fahren auch einige nach Rendsburg und Büdelsdorf, wo wir ja sogar mit einem Mammutprogramm zweimal ausverkauft waren. Auch Flensburg hat wieder enorm gut angezogen – ich verstehe den Knick dort zuvor gar nicht mehr so richtig. Alle, inzwischen ja wieder sechs Konzerte waren dort stabil. Das freut mich besonders, weil es ja derzeit nicht so viele voll funktionsfähige Säle in Schleswig-Holstein mehr gibt ...

 

 Gab es Konzerte, die Sie persönlich in besonderer Weise begeistert haben?

 Alle András Schiff-Konzerte, die ich erlebt habe, über das ohnehin Erwartete hinaus. In ihren ganz unterschiedlichen Ausprägungen – von den Goldbergvariationen über die Schubertiade in Rellingen mit einer wunderbaren Anna Lucia Richter und entsprechend inniger Zusammenarbeit, dann Jerusalem String in Wotersen und dem Kieler Kammermusik-Abend mit Mitgliedern der Capella Andrea Barca, wo man das Gefühl hatte, das Schloss verwandelt sich in einen großbürgerlichen Salon, in dem man gemeinsam musiziert und Freunde vorstellt. Das Panocha Quartett hat einen Klang entwickelt, wie es ihn kaum noch gibt. Schließlich der Hamburger Abschluss mit der Capella, einem der besten Orchester überhaupt. Man hat gemerkt, dass Schiff eine unglaubliche Lust entwickelt hat. Er war total begeistert vom Publikum und von den Räumen, bei deren Auswahl er uns weitgehend vertrauen musste. Gerade nach Grubinger war diese leise, dem Kleinen gewidmete Reihe ganz toll. Und da war es keineswegs selbstverständlich, dass da nahezu 10000 Menschen hingehen. Es zeigt, dass die Reihe, die Künstlern maximale Entfaltungsmöglichkeit einräumt, aufgeht und für beide Seiten beglückend ist. Schiff fühlte sich sehr wohl. Aber es war in Wotersen für ihn auch nicht so heiß wie gestern ...

 

 Ist das sehr mittelprächtige Wetter überhaupt ein Faktor?

 Wenn ein Konzert nicht voll wird, gibt es immer verschiedene Möglichkeiten für die Gründe: Schlechte Werbung, kein Vorbericht in der Zeitung, die Halle oder das Wetter. Da bei uns die Kaufentscheidung oft sehr weit im Voraus stattfindet, spielt das Wetter erstmal keine Rolle. Meistens sind es die Inhalte, die wir nicht so gut vermittelt haben. Für das Anlocken der spontanen Besucher ist aber zu gutes Wetter wie in den letzten Tagen eher ein Problem. Da geht dann der Strand oder das Grillen vor. Wir hatten also insgesamt sehr gutes Festivalwetter. Erstaunlich ist aber trotzdem, dass gerade die Kammermusik großen Zuspruch hatte.

 

 Es gibt im Land, zum Beispiel beim Theater Lübeck, fast panische Angst vor der Elbphilharmonie, weil man befürchtet, sie könnte Publikumsströme absaugen. Wie steht das SHMF dazu?

 Da das eine attraktive Ambientespielstätte wird, werden wir sie selbstverständlich einbeziehen, als einen Ort, genauso wie die Laeiszhalle. Ich sehe aber für das SHMF überhaupt keine Gefahr der übermächtigen Konkurrenz. Dazu sind wir selber zu sehr etabliert und zu stark profiliert. Wir machen genau das Gegenteil von der Elbpilharmonie: Wir locken die Menschen aufs Land oder kommen zu den Menschen aufs Land. Und wenn wir zwölf Konzerte in Hamburg machen, dann sind das zwölf von 178 – ein kleiner Anteil. Und: Es gibt keinen Grund, die Reithalle in Elmshorn nicht zu besuchen, nur weil es die Elbphilharmonie gibt. Im Gegenteil: Die Elbphilharmonie wird neue Menschen für klassische Musik begeistern, Hemmschwellen abbauen, eine Attraktion darstellen, die uns mittelfristig sogar hilft.

 

 Gibt es eigentlich umgekehrt Beschwerden, das Festival durch seine stilistische Erweiterung in der etablierten Veranstalterszene als problematische Konkurrenz anzusehen?

 Nein. Wir versuchen nach Möglichkeit nichts anzubieten, was von anderen Veranstaltern übers Jahr in gleicher Weise präsnetiert werden kann. Mariza beispielsweise war zuletzt vor etwa zehn Jahren mal im Kieler Schloss zu erleben. Wir wollen das Programm anregend ergänzen. Auf der anderen Seite müssen wir wiederum damit leben, dass unsere norddeutschen Künstler, die wir ja besonders gerne zu unserer Reihe "Luustern" einladen, auch übers Jahr präsent sind. Wenn wir aber Zaz oder The Real Group auf die Bühne bringen, wüsste ich nicht, wer das sonst tun könnte. Und die Mehrzahl der Konzerte bleiben sowieso klassische Konzerte.

 

 Gab es Problemspielstätten? Es sind ja auch wieder neue ausprobiert worden.

 Natürlich gibt es immer wieder Orte, die unter klimatischen oder akustischen Gesichtspunkten problematisch erscheinen. Aber auch das ist der Reiz unseres Festivals. Ich kann jedesmal in den Lübecker Dom gehen und von Neuem feststellen, dass er überakustisch ist. Er ist aber ein traumhafter Ort, den wir gerne einbinden. Einziges echtes Sorgenkind war die Musik- und Kongresshalle in Lübeck, die mit der Rotunde zwar eine gute Ausweichspielstätte bietet, die aber – auch von der MuK selbst – nicht offensiv genug positiv beworben wird. Bei Vielen ist gar nicht angekommen, dass dieses Haus nicht komplett geschlossen ist. Da könnte dann doch die Elbphilharmonie eine gefährliche Konkurrenz bilden. Das ist bedenklich für die Stadt Lübeck.

 

 Besteht beim SHMF die Sorge, dass das Problem MuK auch noch im kommenden Festivalsommer fortbesteht?

 Im April 2017 soll der Saal wieder eröffnet werden. Es gibt kein Anzeichen dafür, dass das nicht stimmt. Aber da es nicht unsere Baustelle ist, kann ich keinen Einfluss darauf nehmen. Da sind wir vollständig abhängig vom Vertrauen zum Handeln der Stadt.

 

 Die Einbindung der NDR-Ensembles ist gefühlt unverändert groß. Ist die Partnerschaft stabil?

 Ja. Wir sind gerne das Festival der Klangkörper des NDR und wollen gemeinsam originelle Dinge umsetzen mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester, dem NDR Chor, der Bigband und der Radiophilharmonie, die auf einem Spitzenniveau mit Andrew Manze gespielt hat. Thomas Hengelbrock ist ja sowieso ein Glücksfall für den NDR.

 

 Das eigene Festivalorchester hat mit einer hochkarätigen, sehr verschiedenen Gruppe von Dirigentenpersönlichkeiten sehr gut funktioniert. Das wird der Intendant ähnlich sehen, oder?

 Unbedingt. Offen gesagt war das in diesem Jahr die Idealbesetzung. Michael Sanderling wunderbar zum Start. Dann Jurowski, der den jungen Musikern mit einer ganz großen Ernsthaftigkeit den Kosmos Haydn eröffnet bis sie alle Haydn-Junkies waren. Einer der größten Dirigenten unserer Zeit, der nie vergessen hat, dass die Moskauer Tourneekonzerte des SHMF-Orchesters ihn 1987 dazu bewegt haben, diesen Beruf zu ergreifen. Als Kontrast der große Schweiger Saraste. Dann E.T., eine großartige Filmmusik-Partitur mit einem Spitzenmann wie David Newman am Pult – live zu einem zeitlosen Hollywood-Märchen, das uns glückliche und gerührte Menschen im Publikum beschert hat. Und schließlich die große Vaterfigur oder besser: der große Bruder der jungen Orchestermitglieder, Christoph Eschenbach, wieder mit großer emotionaler Kraft Enormes herausgeholt hat. Auch beim bejubelten Berliner Gastspiel bei Young Euro Classics. Im Berliner Tagesspiegel gab es eine Lobeshymne dafür!

 

 All das ein Modell für die Zukunft des SHFO?

 Zweierlei: Ja, das war optimal. Und nein: Wir haben den Anspruch, uns nicht zu wiederholen. Deshalb wird vieles ganz anders. Aber hoffentlich auf diesem Niveau.

 

 Eschenbach war ja häufig auch zweimal präsent ...

 So viel Eschenbach wie möglich, ist die Devise! Er liebt das Festival, das Orchester. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Und ihm gehen die Ideen auch nicht aus. Das Wichtigste ist aber immer die Arbeit in Büdelsdorf – es ist eine Akademie, bei der die Musiker lernen sollen.

 

 Das Festival 2017 wird unter Hengelbrock mit der Pianistin Hélène Grimaud und Werken von Maurice Ravel eröffnet. Zeichnen sich da das Künstlerporträt und der Komponisten-Schwerpunkt ab?

 Mit der Frage hab’ ich gerechnet (lacht) und eine super Antwort parat: Man schaue sich Hengelbrocks Eröffnungskonzert 2015 an – da gab es weder Tschaikowsky noch war Grubinger der Solist ... Aber im Ernst: Erstmal bin ich total begeistert, wie gut es uns gelungen ist, die Qualität Haydns Ernst zu nehmen und zu zeigen. Etwa mit Hengelbrocks perfekter Interpretation der Harmoniemesse, einem absoluten Meisterwerk, das aber nicht mal auf Tonträgern vielfältig präsent ist. Oder im Kleinen mit dem Auryn Quartett. Wir haben es tatsächlich geschafft, die bedeutensten Haydn-Experten zu präsentieren. Und wissen, dass man damit auch beim Abschlusskonzert unter einem weiteren Haydn-Exegeten, Sir Roger Norrington, die Sparkassen-Arena füllen kann.

 

 Die Signale von der Sparkassen-Finanzgruppe, das Festival weiterhin maßgeblich unterstützen zu wollen, waren schon bei der Verleihung des Bernstein Awards deutlich spürbar. Wie steht es um die Förderer?

 Mit der Sparkassen-Finanzgruppe gibt es einen neuen Drei-Jahres-Vertrag. Und mit allen anderen Hauptsponsoren, der Audi AG, Nordwestlotto Schleswig-Holstein und der Hansewerk AG sowie allen weiteren Partnern sind wir in extrem guten Gesprächen. Da droht im Moment nirgendwo Ungemach. Auch das Land steht mit seiner verbliebenen Förderung stabil zu uns. Man muss nur halt wissen, dass es Preissteigerungen gibt – und die Kultur eine zarte Pflanze bleibt.

 Interview: Christian Strehk

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
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