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Taktgefühl und Blasmusik

SHMF Taktgefühl und Blasmusik

Addiert man im Geiste die Ankündigung einer „ultimativen Percussionshow“ mit dem beachtlichen Gerätepark auf der Bühne, geht von Martin Grubingers Auftritt in der Kieler Sparkassen-Arena vor seinem Beginn durchaus auch etwas Bedrohliches aus.

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Vollbringt am Marimbaphon Kunststücke, die ihm so schnell keiner nachmacht: Martin Grubinger (Mitte).

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Wie lange wird ein Abend dauern, an dem der diesjährige Festival-Liebling mit seinem Ensemble The Percussive Planet erklärtermaßen „richtig ans Limit gehen“ will? Bedeuten so viele Stockschläge nicht auch ein bisschen Prügelstrafe? War es klug, die Ohrenstöpsel zu Hause gelassen zu haben?

 Alles kommt anders als erwartet. Als die Show beginnt, rückt zunächst eine andere Frage in den Mittelpunkt: Was machen diese ganzen Bläser dort oben? Sie sind Teil des erweiterten Planet-Ensembles, das mindestens ebenso sehr Rhythmusgruppe wie Brassband ist. Seine musikalische Leitung liegt zu weiten Teilen in der Hand von Martin Grubinger senior, der in seinen Arrangements ein Faible für domestizierten Rockjazz pflegt, auf den das Prädikat „fetzig“ passt. Im Opener L.A. Fusion haben die zwei Handvoll Trompeter und Posaunisten mindestens eben so viel zu tun wie Grubinger junior und seine Mitstreiter, die schlagfertig ihr Instrumentarium vorstellen. Dass dazu neben Trommeln und Marimbaphonen aller Kaliber auch die Triangel zählt, kann man nur sehen. Aber den Versuch war es wert.

 Die Stimmung auf und vor der Bühne – stattliche 6000 Festivalgäste sitzen in der Arena – ist vom ersten Schlag an gut, und durch den kontinuierlichen Einsatz der Bläser kann die Percussionshow mit einem Klangfarbenreichtum aufwarten, mit dem man nicht gerechnet hätte. Bald dekliniert man gemeinsam Astor Piazzollas Libertango durch und lässt das Stück effektvoll nach Salsa oder Swing klingen – um den Preis, seine musikalische Essenz auf die eines Klingeltons zu reduzieren. Ganz ernst wird es wenig später in Keiko Abes Marimba-Concertino The Wave, das Grubinger junior mit vier weiteren Schlagwerkern als schönen musikalischen Balanceakt zwischen Hochleistungssport und gefühlvoller Interpretation präsentiert. Danach geht das Licht an, und überraschend ist die erste Hälfte bereits nach einer knappen Stunde vorüber.

 Der zweite Teil funktioniert nach dem gleichen Rezept. Grubinger senior hat in der Pause ein Kaugummi eingeworfen und untermahlt sein Dirigat mit eindrucksvoller Kieferarbeit. Der Filius reißt weit die Augen auf, wenn er am Marimbaphon Kunststücke vollbringt, die ihm so schnell keiner nachmacht. Erneut wird ein musikalisches Nationalheiligtum geschändet: Tom Jobims Chega de Saudade, mit dem in Brasilien Ende der 50er die Bossa Nova ins Rollen kam. Das Stück tönt hier zunächst wie ein Weihnachtschoral, dann wie eine Karnevalsnummer. Schließlich demonstriert Grubinger junior in seiner Vibrafon-Version zwar erneut großes Können, lässt aber die zuvor annoncierte Jazz-Affinität vermissen.

 Im groovigen Finale sind solche Fehltritte rasch vergessen. Mit geschlossenen Augen könnte man meinen, dass hier eine rhythmisch aufgerüstete Version der NDR Bigband auf der Bühne steht. Um 22.30 Uhr ist die Zugabe gespielt, der Held des unerwartet kurzweiligen Abends stellt die Mitmusiker noch einmal mit Namen vor. „Ois hoib so wüd“, würde man in seiner Heimat sagen.

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