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Frankie und seine Spießgesellen

SHMF: Tom Gaebel in Eutin Frankie und seine Spießgesellen

Traditionell spielt das Wetter bei kulturellen Ereignissen im sommerlichen Eutin eine tragende Rolle. Und so reagieren die Gäste von Tom Gaebels SHMF-Konzert am Dienstag gelassen, als sie vor der Open-Air-Bühne der Landesgartenschau neben dem Schloss im Dauerregen stehen.

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Open-Air-Auftritt im Smoking: Tom Gaebel in Eutin.

Quelle: "Oliver Stenzel, ost"

Eutin. Mit Poncho und Sitzkissen trotzt man hier routiniert der Nässe – und zückt die Rotkäppchen-Piccolos, als der Himmel pünktlich zum Konzertbeginn aufklart. Leicht verdutzt hört man dazu, wie das Orchestra des Gelsenkircheners Crooners My Way anstimmt. Zwar ist ein Frank-Sinatra-Programm annonciert, aber dieser Song müsste doch eigentlich eher der Rausschmeißer sein, oder? Tatsächlich wechselt die Band nach ein paar Takten zu The Lady Is A Tramp, Gaebel kommt dazu im Smoking auf die Bühne und gibt sich auch ansonsten alle Mühe, seinem Idol gerecht zu werden. Wäre das hier ein Imitatoren-Wettbewerb, hätte sich der Sänger bereits jetzt für das Finale qualifiziert. Auch Fly Me To The Moon klingt zu 75 Prozent nach The Voice. Die 25 Prozent Gaebel sorgen dafür, dass der Abend zugleich mehr zu bieten hat als nur eine historische Aufführungspraxis von Frankies größten Erfolgen.

 Denn natürlich wird der gute alte Swing hier aus dem Geist der Oldie-Party wiedergeboren. Das lässt sich bei einem solchen Programm fast nicht vermeiden und Gaebel fördert die entsprechende Atmosphäre zusätzlich mit seinen heiteren Ansagen. Es gibt reichlich Döntjes von seiner Kindheit in Ibbenbüren zu hören, Stimmungsabfragen beim Publikum mit vorhersehbarem Ausgang, wiederkehrende Mitklatsch-Animationen – das ganze Programm eben, mit dem auch der Alleinunterhalter von nebenan die Hochzeitsfeier im Sportheim rumbringt. Schön, dass das Orchestra hierzu kontinuierlich auf hohem Niveau musiziert und der Sänger mit Papa Loves Mambo auch mal einen Hit von Frankies Spießgesellem Perry Como in seine Hommage schmuggelt. Dass Gaebel und seine Musiker bei alledem auf der Bühne in dichte Rauchschwaden gehüllt werden, irritiert mit der Zeit sogar den Sänger selbst: „Ich hoffe, das ist Bühnennebel hier – sonst haben wir ein Problem!“ Offenbar ist es Bühnennebel, denn die Schleier bleiben und umwabern auch die hitzigen Soli von Gaebels Saxofonisten, die zu den Höhepunkten der ersten Konzerthälfte zählen.

 Danach bereitet man sich innerlich auf das vor, was nun unvermeidlich kommen muss: New York, New York, Strangers In The Night und unausbleiblich auch die Langversion von My Way. So ist es am Tag zuvor unter ebenfalls freiem Himmel in Hamburg gewesen, wo Gaebel seinem Vorbild zweieinhalb Stunden lang huldigte. Doch nach einer überlangen Pause tritt unerwartet SHMF-Verwaltungsdirektor Burkhard Stein auf die Bühne und verkündigt bedauernd, dass die zweite Konzerthälfte wegen Unwetterwarnungen abgesagt werden müsse. In Anbetracht der relativen Windstille sind die Gäste verblüfft, aber fügen sich drein. Erst beim Verlassen des Gartenschau-Areals wird manchem Festivalbesucher klar, dass er in ersten Preiskategorie gerade 49 Euro für 45 Minuten Musik bezahlt hat. Vergleichbare Preis-Leistungs-Verhältnisse dürften auch zu Lebzeiten Sinatras bei den Konzerten des Originals üblich gewesen sein.

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