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Leonskaja und Rivas zelebrieren Tschaikowsky

SHMF im Schloss Kiel Leonskaja und Rivas zelebrieren Tschaikowsky

Die Landeshauptstadt wird allmählich zur Tschaikowsky-Hochburg. Am Semesterende hatte das Collegium musicum bereits das trotz seines Wirkungsgrads selten gespielte Zweite Klavierkonzert aus der musikgeschichtlichen Versenkung geholt; jetzt legte das SHMF in seinem Komponisten-Schwerpunkt damit nach.

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Grandioses Zusammenspiel trotz einiger Jahre Altersunterschied: Dirigent Ilyich Rivas (22) und Pianistin Elisabeth Leonskaja (69).

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Im ausverkauften Kieler Schloss war hier für den überbordenden Solopart diesmal kein Präzisionsgarant wie Andreas Boyde geladen, sondern die Grande Dame der in Wien kultivierten russischen Schule zu hören. „Grande“ passt optimal auf das Spiel von Elisabeth Leonskaja. Die 69-Jährige feierte ein rauschendes Fest der wuchernden Klänge. Der Steinway erbebte unter ihren kraftvollen Fingern derart farbsatt wie man es von jedwedem Nachwuchs nur selten erlebt. Dass dabei vor allem im ersten Satz auch mal ein Einsatz unter die mit Rouladen, Blumengestecken, reifen Früchten und Schokobrunnen üppig gedeckte musikalische „Tafel“ kullerte oder Feinheiten und Kontraste im Pedalnebel verschwammen ­­– geschenkt in Bewunderung. Letztere war später allemal auch für die wunderbar flirrende Rachmaninow-Zugabe ( Prélude gis-Moll op. 32) angebracht.

Bevor das G-Dur-Konzert op. 44 aber im feurigen Finale zwischen Kirmes und Ballettszene in Virtuosität endgültig explodiert, hält der einfallsreiche Peter Tschaikowsky noch einen zauberhaft kammermusikalischen Mittelsatz parat, in dem sich das Klavier, an- und einschmiegsam von Leonskaja ertastet, als Kolorist im Hintergrund hält. Hier schlug die Stunde der unablässig intensiv auf ihrer Guadagnini-Violine singenden jungen Konzertmeisterin einer tadellos engagiert mitgestaltenden NDR Radiophilharmonie: Im Dialog mit dem Solocellisten Christoph Marks setzte die Weithaas-Schülerin Friederike Starkloff starke Wegmarken, einer Trägerin des Europäischen Förderpreises wie einst Anne-Sophie Mutter, Julia Fischer oder Tabea Zimmermann angemessen.

Dirigent Rivas mit 22 und beeindruckender Leistung

Das sichtlich jung aufgestellte Orchester aus Hannover hatte den Allerjüngsten in Front: Der in Venezuela geborene Dirigent Ilyich Rivas verzeichnet eine erstaunlich steile Karriere, stand schon als Teenager am Pult von Profiensembles, war mit 20 der Jüngste, der jemals das London Philharmonic Orchestra leiten durfte. Jetzt, zwei Jahre danach, animierte er zum wiederholten Male mit klarer Zeichengebung die Radiophilharmonie zu volltönenden Leistungen.

Die sind in Tschaikowskys sinfonischem Resümee, einer Art Lebens- und Abschiedskampf in Tönen, auch besonders gefragt: Die Sechste Symphonie h-Moll op. 74 steckt voll von Finessen und bizarren Entladungen. Rivas zeigte viel Einfühlungsvermögen in die Seufzer und schmerzlichen Verkrampfungen der reich bewegten Partitur. Zwar kann man den zweiten Satz mit seinem raffinierten Fünfvierteltakt noch graziöser schweben lassen und im dritten die Klangeffekte noch expressiver auf einen apokalyptischen Spuk hin trimmen. Im Finale aber trafen Rivas’ Musiker mit stetig flüssigem Tempo und ohne triefige Verzerrungen bis zum Todesgong, abschließendem Choral und Verdämmern ins Nichts den Kern eines wortlosen Requiems. Deshalb folgten anhaltende Stille – und viel Beifall.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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