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Das böse Spiel der Leidenschaften

Theater Lübeck Das böse Spiel der Leidenschaften

"Così fan tutte" ist Mozarts zeitlos modernste Oper. Sandra Leupold, für ihren Don Carlo völlig zu Recht mit dem deutschen Theaterpreis „Faust“ gekrönt, verantwortet erneut eine herrlich gnadenlos präzise Inszenierung am Theater Lübeck.

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Untreue mit Ansage: Don Alfonso (Steffen Kubach) beobachtet das Herzklopfen der Schwestern Fiordiligi (Erica Eloff, li.) und Dorabella (Wioletta Hebrowska).

Quelle: Oliver Fantitsch

Lübeck. Bloßgestellt torkeln sie am Ende alle nur noch im Kreis, stammeln die obligatorische Happy-End-Moral in Endlosschleife vor sich hin. Der naive Glaube an die treue Liebe ist tief erschüttert. Das wahlverwandtschaftliche Beziehungsexperiment hat die Seelen bis aufs Unterhemd entblättert. Und kaum sind die Korsetts, Uniformen und Reifröcke gefallen, wird am Theater Lübeck sehr schön überdeutlich, dass die Liebschaften des Rokoko heute noch genauso gefährlich sind wie 1790. Così fan tutte ist Mozarts zeitlos modernste Oper.

 Sandra Leupold, für ihren Lübecker Don Carlo völlig zu Recht mit dem deutschen Theaterpreis „Faust“ gekrönt, verantwortet erneut eine gnadenlos präzise Inszenierung, die einen Teil des Publikums zum Buhen reizt, weil im Guckkasten zwar opulente Kostüme (Jessica Rockstroh) zu sehen sind, aber ansonsten nur ein leerer Bühnenschlund mit Brandmauerimitat gähnt (Stefan Heinrichs). In Zeitlupe lauern und lungern die Beteiligten am Rand und steigen dann jeweils in Echtzeit ins böse Spiel mit den Leidenschaften ein.

 Kein Wunder, dass bei so guter Personenführung, hochmusikalisch gesteuerter Gestik und sprechender Mimik auch das Singen enorm ausdrucksstark funktioniert und die Rezitative fast ohne Striche da Pontes geistreichen Text als Handlungsträger lebendig machen. Die südafrikanische Sopranistin Erica Eloff gibt die Fiordiligi als geistvoll aufrechte Verwandte von Goethes Charlotten. Und sie singt die heikle Partie hinreißend leuchtkräftig, zerbrechlich zart und widerständig weiblich. In Wioletta Hebrowskas Dorabella hat sie eine spürbar unbekümmerter lustbetonte, bodenständigere Mezzosopran-Schwester, mit der sich ihre Stimmfarbe optimal mischt.

 Bei den begehrten Herren ist der farbsatt und vollmundig werbende Bariton Johan Hyunbong Choi als Guglielmo dem mozärtlichen, aber nicht überall auf Legatolinie bleibende und etwas linkisch agierende Ferrando von Daniel Jenz voraus. Steffen Kubachs ist ein skeptisch lauernder Unruhestifter Don Alfonso, sängerisch gewandt, aber mit wenig Bassfundament und eine Spur spröde. Sein Werkzeug Despina, von Andrea Stadel stimmlich ansprechend warmherzig gezeichnet, wirkt in der Verkleidungskomödie trotz kräftig bedienter Buffa-Klischees nie lächerlich.

 Der Abend gewinnt zusätzlich Spannung, weil der Gastdirigent Felix Krieger, einst in Hamburg Schüler des Kieler GMDs Klaus-Peter Seibel und später Assistent Abbados, das klein besetzte Philharmonische Orchester schön frech direkt auf den Nerv der Musik Mozarts fühlen lässt. Da werden rasante Tempi gewählt und gestanden, gibt es Seidenweiches und Knüppelhartes, Verführerisches und Zickenalarm – ein psychologisches Meisterwerk auch auf dieser Ebene.

 www.theater-luebeck.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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