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Gedankenblitze, frei assoziiert

Saša Stanišič im Literaturhaus Gedankenblitze, frei assoziiert

Ein sonnig warmer Frühlingsabend, noch dazu vor einem langen Wochenende, ist eigentlich Gift für eine Leseveranstaltung. Nicht so am Mittwoch, als eine stattliche Besuchertraube vor dem Literaturhaus wartete, um einen Platz in der Lesung von Saša Stanišič zu ergattern.

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Saša Stanišić verknüpft Skurriles oder Bodenständiges beinahe unmerklich mit politischen und gesellschaftskritischen Inhalten.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. "Von denen, die es schafften, sicherten sich manche ein Exemplar seines Erzählbands Der Fallensteller", der offiziell erst ab Montag im Handel ist, auf dessen Einband jedoch bereits der NDR-Button „Buch des Monats“ prangt. Letzteres erscheint nicht allzu gewagt, zählt Stanišič doch zu den Shooting-Stars der Literaturszene. Schon früh mit Förderpreisen dekoriert, wurde er für seinen Debütroman Wie der Soldat sein Grammophon repariert (2006) unter anderem mit dem Adalbert-von-Chamisso-Preis, für den Nachfolger Vor dem Fest (2014) mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

 Mit beiden Büchern war er bereits im Literaturhaus zu Gast und obwohl an positive Rückmeldung gewöhnt, räumte er ein, ein wenig nervös zu sein. Denn da er sich erst am Anfang seiner Lesereise befindet, sei er sich der Wirkung der Geschichten noch ungewiss. Zwölf sind es insgesamt – poetische, witzige und sprachlich ungemein kunstvolle Erzählungen über Reisende und Liebende, über Scheiternde und mit Makeln Behaftete, Ganoven und Geflüchtete. Jede hat ihre eigene Welt und damit auch ihren eigenen Erzählton.

 "Georg Horvarth ist verstimmt" heißt eine Geschichte, die der 38-Jährige seinem verzückt lauschenden Publikum in leicht gekürzter Fassung darbrachte. Ja darbrachte, denn als schlichte Lesung lässt sich die leidenschaftliche Performance des in Bosnien geborenen Hamburgers, die am Ende mit bemerkenswert ausdauerndem Applaus bedacht wurde, wahrlich nicht bezeichnen. Heftig gestikulierend versetzt er sich in seinen misslaunigen Protagonisten, der im Flugzeug nach Rio sitzt. Ein permanent Bonbons lutschender Asiat auf dem Nebenplatz raubt Horvarth den letzten Nerv, unter anderem, weil er das Einwickelpapier zu hassenswert akkuraten Quadraten faltet. Horvarth versucht sich abzulenken und lässt seine Gedanken dabei die artistischsten Purzelbäume schlagen. Das freie Assoziieren von Gedankenblitzen – vom Hölzchen aufs Stöckchen und umgekehrt – ist eine Paradedisziplin von Saša Stanišič. Skurriles oder Bodenständiges verknüpft er beinahe unmerklich mit politischen und gesellschaftskritischen Inhalten, erzählt en passant von Außenseitern und Flüchtlingen, entlarvt Strukturen und stellt Missstände bloß. In einer anderen Geschichte, die unter christlichen Menschenrechtsaktivisten auf einem Floß mitten im Rhein spielt, sammelt der Protagonist zunächst unvollendete Sätze. Die knüpft er dann er zu einem „großartigen Ganzen“, um kurz darauf über die Traurigkeit der Fische zu sinnieren, die als „Fisch-Gebliebene“ angesichts der Amphibien und Reptilien vermutlich mit ihrer Rolle in der Evolution hadern. Auf so etwas muss man erst einmal kommen.

 „Meine Geschichten haben selten eine richtige Handlung“, so der Autor fröhlich. Dennoch liege ihm daran, komplexe Gestalten zu schaffen, „denen man es abnimmt, wenn sie zeigen, dass etwas schiefläuft in der Gesellschaft.“ Dass sein Erzählband den Titel Fallensteller trägt, ist übrigens nicht auf inhaltliche Gemeinsamkeiten der Erzählungen zurückzuführen. „Ich bin selbst oft in die Fallen des eigenen Schreibens geraten, denn die Sprache will mich locken“, sagt Saša Stanišič. „Außerdem ist „Fallensteller“ ein schönes Wort. Und ich fand es stark als Berufsbild.“

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