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„In dieser Johanna tobt ein Sturm“

Schauspielhaus „In dieser Johanna tobt ein Sturm“

„Ist das ein Märchen, ein poetisches Gedicht, überhaupt ein dramatischer Text?“ Es dauerte ein bisschen, bis sie sich befreundet hatten, Schillers Jungfrau von Orleans und Malte Kreutzfeldt, der die 1801 uraufgeführte „romantische Tragödie“ zur Saisoneröffnung am Schauspiel Kiel auf die Bühne bringt.

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Johanna im Sinn: Regisseur Malte Kreutzfeldt und Kostümbildnerin Katharina Beth.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. „Ist das ein Märchen, ein poetisches Gedicht, überhaupt ein dramatischer Text?“ Es dauerte ein bisschen, bis sie sich befreundet hatten, Schillers Jungfrau von Orleans und Malte Kreutzfeldt, der die 1801 uraufgeführte „romantische Tragödie“ zur Saisoneröffnung am Schauspiel Kiel auf die Bühne bringt. Dieses Monumentalstück um das historisch verbürgte Bauernmädchen (1412-1431) aus Lothringen, das im englisch-französischen Krieg aus ihrer religiösen Bestimmung heraus zur Heerführerin der Franzosen und später zur Galionsfigur Frankreichs wurde.

„So einen Stoff muss man erstmal bewältigbar machen“, sagt Malte Kreutzfeldt, der auch schon den Black Rider und in der vergangenen Spielzeit Peter Handkes Immer noch Sturm eindrucksvoll im Griff hatte. Hier hieß das, die 145 Seiten, die das Stück im Reclam-Heft füllt, zu konzentrieren und das Personal um rund die Hälfte auf zwölf Spieler in 13 Rollen zu reduzieren. „Von den zahlreich vorbeikommenden Naturburschen und Schwestern, die verheiratet werden sollen, haben wir uns verabschiedet“, schmunzelt Kreutzfeldt. Auch von manchen der ausführlichen strategischen Planungen und Erklärungen zwischen König und Heerführern, an denen Johanna bei Schiller gar nicht teilnimmt. „Wie auch?“, sagt Malte Kreutzfeldt, „sie ist 16 oder 17. Und sie weiß zwar, dass ihre Mission funktioniert, hat aber keine Ahnung, wie das läuft im Krieg. Befehle geben, einer Strategie folgen.“

Eine Art Spielshow sieht der Regisseur im kometenhaften Aufstieg Johannas: „Frankreich sucht den Superstar – nur, dass die Protagonistin hier von Anfang an weiß, wie es ausgehen wird.“ Mit Bühnenbildner Nikolaus Porz hat Kreutzfeldt dafür einen abstrakten Raum erdacht, in dem die Statue eines weißen Pferdes und eine von den Rorschach-Tests inspirierte Videografik auf den Zustand zwischen Traum, Wahn und Vision verweisen. Und natürlich hat das Aufeinandertreffen von Johanna und der hohen Politik auch seine komischen Seiten, etwa wenn sich der König im Kriegszustand auf so eine Bauerngöre und die Stimmen in ihrem Kopf verlässt. Und das will Kreutzfeldt, der im Dunklen oft die Komik erspürt, auch ausspielen: „Es ist böse, ironisch, zynisch – und die Brüche zwischen Komik und Tragik wechseln in Sekunden.“

Den Fokus legt er in seiner Inszenierung ganz auf die Titelfigur – und auf deren Jugend, ihre wacklige Teenager-Befindlichkeit: „Das ist auf jeden Fall auch eine Coming-of-Age-Geschichte. Johanna macht ja eine extrem verdichtete Entwicklung vom Mädchen zur Frau durch.“ In einer rauen Männerwelt, die Kostümbildnerin Katharina Beth mit „Ritterzitaten“ kennzeichnet, und in einem Krieg, den sie aus der gefühlten religiösen Bestimmung heraus zu ihrer Mission macht. Erste Liebe und Tod gehören dazu. „Ob sie da reingeworfen wird oder sich selbst hineinbegibt, muss offen bleiben“, sagt Malte Kreutzfeldt. „Am Anfang aber steht ihr Ausbruch aus der Welt, die sie kennt. Und in ihr tobt ein Sturm.“

Dagegen steht die Gesellschaft, die mit ihr umgeht. Sie umschwärmt, solange sie ihrer Sache nützlich ist, und sie dann als Hexe, Ketzerin, Fremdkörper fallen lässt. Den Bezug zur von Gotteskriegern und Terror erschütterten Gegenwart, so Dramaturg Jens Paulsen, den muss man da gar nicht erst herbei inszenieren.

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