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„Die Jungfrau von Orleans“ entzaubert

Schauspielhaus Kiel „Die Jungfrau von Orleans“ entzaubert

Die "Jungfrau von Orleans" feierte Premiere im Kieler Schauspielhaus. Malte Kreutzfeld inszeniert den Klassiker von Schiller, entzaubert die strahlende Heldin und lässt den Mythos so in sich zusammenfallen.

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 "Die Jungfrau von Orleans" hatte Premiere im Kieler Schauspielhaus.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Die strahlende Heldin fällt aus an diesem Abend.  Keine, die in schimmernder Rüstung Frankreichs Fahne trägt, das Schwert schwingt, das Heer der Franzosen glorreich in den Sieg führt. Bloß ein Mädchen, erschöpft hingehängt auf den Hals einer Pferde-Statue. Auf weißen Pferden eilen im Märchen gewöhnlich die Jungfrauen-Retter herbei, hier schiebt es eine maskierte Sturmtruppe voran, eher Kriegsbeute als Rettung. Und am Bühnenrand souffliert einer die Geschichte dazu. 

Schon das Heldinnenbild, das Friedrich Schiller 1801 von der „Jungfrau von Orleans“ malte, hat ordentliche Kratzer und Brüche. Und Malte Kreutzfeldt, der die „romantische Tragödie“ zur Spielzeiteröffnung am Kieler Schauspiel zur leicht verhaltenen Publikumsreaktion inszeniert hat, reißt sie noch weiter auf – bis zur Auflösung der Legende. Diese Johanna, die Agnes Richter so trotzig verinnerlicht und eher feinnervig hadernd als fanatisiert auf die Bühne stellt, läuft der Galionsfigur zuwider, die Frankreich im 100-jährigen Krieg vor der englischen Herrschaft bewahrte. Allein, wie sie sich zu Beginn den Helm aufsetzt: Keine heroische Geste, eher eine Selbstverständlichkeit. Eine Frau muss tun, was eine Frau tun muss. Und so ist es ja für Johanna: Sie hat einen Auftrag zu erfüllen, woher auch immer der kommen mag.

Von Gott? Wohl eher nicht. Die ganze Nummer könnte eine reine Kopfgeburt sein, so wie Kreutzfeldt sie auf die Bühne bringt. Der Regisseur, der diesmal auch sein Bühnenbildner ist, hält Distanz zur Legende, auch zu den lorbeerumkränzten Schiller-Szenen. Stattdessen schaltet er einen Erzähler-Therapeuten (Oliver E. Schönfeld) zwischen und lässt im Schwarzraum spielen, auf einer Fläche zwischen TV-Studio und Computerspiel. Eine gegen alle. Johanna gegen den Rest der Welt.

Auf insgesamt zwölf Akteure hat Kreutzfeldt Schillers Personal konzentriert. Sie tauchen auf als geisterhafter Chor, wispernd und wogend als Stimmen, die Johanna im Kopf herumspuken. Oder gleichgeschaltet wie auf dem Schlachtfeld, eine schwarze Krieger-Phalanx, in die coolen Kostüme von Katharina Beth gewandet, die das Martialische der Ritterrüstung so schick wie sinnreich auf Filz, Kunstleder und Wolle verkleinert.

Kreutzfeldt malt nicht aus, auch wenn sich per Video ein paar schön spukige Schattenspiele entfalten. Er lässt der Kraft der Sprache Raum und konzentriert den Fünfakter in kühlen Tableaus nah am Stillstand. Christian Kämpfer als König Karl gibt darin den hübsch abgehalfterten Showstar, der am liebsten im Koksrausch an seiner goldigen Agnes (Isabel Baumert) herumfingert und in der hoffnungslosen Lage halt auf eine durchgeknallte Hirtin wie diese Johanna setzt. Gibt ja nichts mehr zu verlieren für Frankreich. Und das sieht Marius Borghoffs schlierige Erzbischofskarikatur ganz genauso.

Derweil sind die Feldherren auf englischer Seite eine Klasse für sich: Eirik Behrendts Burgund ein faszinierend parasitärer Wendehals, der alle(s) anschlabbert, was ihm in den Weg kommt. Imanuel Humm (Lionel) und Neuzugang Markus Borkert (Talbot) zwei, die noch idealistisch am Ritter-Retter-Mythos basteln. Deren französische Version geben Siegfried Jacobs‘ Du Chatel und Rudi Hindenburgs Dunois: nett wie aus der Puppenkiste. Und Claudia Macht steuert eine Isabeau bei, die wahrhaft Haare auf den Zähnen hat.

Szenen der Uneinigkeit ergibt das, in denen die ganze Misere offenbar wird. Und Johanna? Die ist die Randfigur im eigenen Traum, ein Fremdkörper, vom eigenen Vater (Werner Klockow als kaltherziger Seher) ans Messer geliefert. Man setzt auf sie, aber man traut ihr nicht. Spannend ist das, produktiv irriterend auch. Und dann geht die Geschichte spätestens nach der Pause doch nicht recht auf. Weil sie neben dem Mädchen auch Johanna, die Heldenfigur braucht, die Fanatisierte, die Gotteskriegerin. Ohne die fällt der Mythos einfach in sich zusammen.

Schauspielhaus Kiel. Vorstellungen: 2., 3., 14., 22., 24., 29., 31. Oktober, Kartentel. 0431/901901, www.theater-kiel.de

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