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Das Musical funktioniert auch drinnen

„Romeo und Julia“ im Schauspielhaus Das Musical funktioniert auch drinnen

Auf die Grandezza mit Seeblick und Wolkendrama muss man bei der Indoor-Variante von " Romeo und Julia – das Musical" zwar verzichten, ansonsten aber läuft die Erfolgsgeschichte vom vergangenen Sommer jetzt im Schauspielhaus weiter.

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Johannes Merz (Romeo) und Maxine Kazis (Julia) brillierten bei der Premiere am Schauspielhaus Kiel.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Wer das Spektakel an der Salzhalle unter freiem Himmel erlebt hat, muss erst mal schlucken: Die Bühne im Schauspielhaus, wo Romeo und Julia – das Musical nun als Indoor-Variante läuft, wirkt plötzlich begrenzt, das motzige Kampfgetümmel, mit dem sich die Montagues und Capulets einführen, beengt und die klotzigen Buchstaben, in die Bühnenbildner Lars Peter die Namen Romeo und Julia auf beiden Seiten der Bühne zerlegt hat, wie Bremsblöcke. Andererseits: Man steckt hier mittendrin im Sippenstreit der beiden Veroneser Familien. Und es kommt einem sehr nah, das berühmteste Liebespaar der Literaturgeschichte, das mit seiner blitzgetroffenen Verknalltheit gegen eine hoffnungslos zerstrittene, autoritär erstarrte (Erwachsenen-)Welt rebelliert.

Zum Einstieg lässt Videokünstler Konrad Kästner einen glühenden Sonnenuntergang und ein paar dramatische Wolken über das Triptychon oben auf der Showtreppe und über die Segelmasten in der Schwentinemündung treiben – Erinnerung an die Welturaufführung in Wind und Wetter im vergangenen August. Dazu pumpen die Beats wie im Techno-Club: Die Party kann losgehen, die Erfolgsgeschichte weiter.

Auftritt Romeo. Der ist bei Johannes Merz gar nicht der schwärmerisch naive Poet, sondern ungestüm wütender Sturm und Drang. „Die Liebe kennt mich nicht“, mosert er gleich den ersten der Ohrwürmer, die die einstigen Rosenstolz-Gefährten Peter Plate und Ulf Leo Sommer für die Kieler Musical-Version des Shakespeare-Klassikers komponiert haben, mitsamt der Schwärmerei für eine gewisse Rosalind in die Welt. Und auch die Stimme klingt runder, klarer hier als noch auf der Open-Air-Bühne.

Derweil schwelgt Julia in kindlicher Unbeschwertheit, in der die von den Eltern geplante Zwangsheirat mit dem Prinzen Paris gar nicht wirklich ankommt. Dafür aber dieser Romeo, der ungebetene Party-Gast, der sich jetzt in einer halsbrechersichen Kraftübung auf Julias Balkon hievt. Und Maxine Kazis, die damit ihren Abschied vom Kieler Ensemble einläutet, lässt diese Julia vom Kind zum Teenie werden,  versetzt das Naseweise mit Nachdenklichkeit, das Sture mit Schlagfertigkeit. Und ihre poppig luftige Mädchenstimme kann ebenso über die seltsame Leichtigkeit der Liebe ( Dann fall ich) staunen wie bodenlos sehnen ( Vergiss mich nie) und einfach schweben ( Für immer).

So knallt die Liebe in den Krieg, nimmt die von Shakespeare vorgesehene Kettenreaktion ihren Lauf. Da steckt Komik drin und noch mehr Party, und Regisseur Daniel Karasek spitzt den ersten Teil des Abends gnadenlos darauf zu. Befeuert vom treibenden Achtziger-Sound des Soundtracks, den die eingespielte Band um Ture Rückwardt aus dem Bühnen-Off zuliefert: disco-krachig, techno-wummernd, balladensäuselnd. 

Auf grundlegende Veränderungen hat Karasek verzichtet; lieber hier und da ein wenig nachkonturiert – oder auch mal wegradiert. Dem spiellustigen Ensemble, leicht umbesetzt und nun ohne die Kollegen vom Werftpark-Theater, hat er dazu eine Extra-Dosis Alltag eingeimpft, so bodenhaftend übersetzen die Schauspieler Shakespeares Figuren. Yvonne Rupprechts Amme ganz nah am Volkstheater, Christian Kämpfers Pater Lorenzo eher cool-ironische Vater-Figur als der staunenswerte Erotomane vom Sommer. Zacharias Preen gibt den Paten, Ellen Dorn seine unterkühlte Ehefrau. Marko Gebbert (Tybalt), Rudi Hindenburg (Mercutio), Peter (Frederik Goetz) und Felix Zimmer (Benvolio) geben (über)reichlich halbstarken Zunder, und die Kampfchoreografie hat sichtlich Anleihen beim Show-Wrestling genommen. Immanuel Humm (Gregory) spielt den Pausenclown und Marius Borghoff die leicht schmierige Karikatur des verhinderten Bräutigams Paris.

Sie geht bekanntlich nicht gut aus, die Geschichte. Und so wird der Ton nach der Pause leiser, bedachter – und da passt auch die Bühne, weil sich Abschied und Tod hier fast kammerspielhaft konzentrieren. So fehlt im Schauspielhaus vielleicht die Grandezza des Weitläufigen; der Intensität der Gefühle tut das keinen Abbruch. Riesenapplaus!

Vorstellungen: 27. Mai, 3., 5., 11., 18., 19., 25. Juni. Kartentel. 0431/901901, www.theater-kiel.de   

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