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Gefeierte „Zehn Gebote“ im Doppelpack

Schauspielhaus-Uraufführung Gefeierte „Zehn Gebote“ im Doppelpack

Die Doppel-Uraufführung funktionierte blendend: Das Schauspielhaus Kiel beauftragte Feridun Zaimoglu und den israelischen Dramatiker Shlomo Moskowitz, ihre Sicht der Zehn Gebote als ethische Handlungsmaxime auf die Theaterbühne zu bringen. Zur viel beachteten Uraufführung gab es dann auch viel Beifall.

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Gelungene Uraufführung der "Zehn Gebote": Die Schauspieler Rudi Hindenburg (von links nach rects) als "Soldat", Zacharias Preen als "Hauptmann", Oliver Schönfeld als "Georgi" und Felix Zimmer als "Soldat".

Quelle: Markus Scholz/dpa

Kiel. Wenn sie sich ihrer Verantwortung entledigen wollen, dann bemühen die Menschen gerne Gott. Da sind sie sich absurd ähnlich, der Nazi-Hauptmann, der den Bruder vor Leningrad in die russische Gefechtslinie treibt, und der israelische Befehlshaber, der den Freund im Nahostkrieg als Köder benutzt, um seine Einheit aus einem Hinterhalt zu lotsen. Gottesurteil, sagt der eine, du bist auserwählt, der andere. Der Krieg aber dient beiden nur als Vorwand, ihr Motiv ist eine Frau.

Schnell sind hier die Gebote übertreten, vom falschen Zeugnis über die Frau des anderen bis zum Brudermord – und dass beide vorführen, wie unmittelbar das biblische Gesetzeswerk aus dem menschlichen (Zusammen)leben entstanden sein muss, ist vielleicht die deutlichste Übereinstimmung der beiden Stücke Die Zehn Gebote, die das Kieler Schauspiel als Auftragswerke an Feridun Zaimoglu und Günter Senkel sowie an den israelischen Dramatiker Shlomo Moskowitz vergeben hat. Ein Mammutprojekt, das das ganze Ensemble fordert und zur viel beachteten Uraufführung viel Beifall fand.

Auf dem leicht schräg gelegten, von unten beleuchteten Spielfeld, das Lars Peter ins Schauspielhaus gebaut hat, sieht man zwei so unterschiedliche Texte wie Regie-Handschriften. Zaimoglu/Senkel entwerfen die apokalyptische Vision einer verrohten Welt, in der kein Gesetz und keine Regel mehr gilt; Moskowitz lässt seinen verwirrten Helden im täglichen Kampf um die Moral durch Familiengeschichte und Soldatenpflicht stolpern.

Regisseurin Annette Pullen, die 2003 mit Halb so wild auch das erste Zaimoglu / Senkel-Stück am Kieler Schauspiel uraufführte,  baut diesmal einen strengen, kaltdüsteren Bilderbogen. Die Schauspieler marschieren auf durch bewegliche Panele, die als Stelen wie Standarten taugen: die Soldaten mit ihren unterschiedlichen Dienstgraden, die Frau, die Tante, der Sohn. Menschliche Schablonen, die mit kühler Akribie die Szenen der Entmenschlichung abarbeiten. Isabel Baumert als Nazi-Schranze so wendig wie als tugendhafte Rotarmistin. Zacharias Preen ein Bild von einem Sadisten-Hauptmann, Christian Kämpfer der Obergefreite mit einem Rest von Erbarmen. Rudi Hindenburg und Felix Zimmer so traumatisierte wie hirnlose Soldaten.

Doppelrollen auf beiden Seiten der Front

Namen tragen hier nur die Russen. Georgi (Oliver E. Schönfeld), der kriegerische Geistliche, oder Wassilij (Martin Borkert), sein Sohn. Und dass hier manche in Doppelrollen auf beiden Seiten der Front auftauchen, ist nur folgerichtig: Yvonne Ruprecht als besoffene Tante daheim im Reich wie als Mutter, die die verhungernde Tochter Zenja (Magdalena Neuhaus) verzweifelt am Leben hält. Und Almuth Schmidt ist hier die Leiche, deren Essensrationen den Hungernden Aufschub gewähren, da der kriegszerstörte Opa.  

Dürr sind die Sätze, karg und archaisch die Worte, in denen das Kieler Autorenduo ausgehend von der Belagerung Leningrads durch die Deutschen Zerrbilder entwirft, in denen sich die fortschreitende Brutalisierung beklemmend spiegelt. Ort- und zeitentrückte Episoden, die Regisseurin Annette Pullen aber klar nachschärft auf den konkreten historischen Anlass hin. So klar, dass am Ende kaum Fragen übrig bleiben.

Sinnlicher, komischer und privater geht es nach der Pause rund um Adam zu, den Offizier, der im Libanonkrieg die Belagerung Beiruts verweigert – im Privatleben aber mit der Familie (Ellen Dorn, Claudia Macht, Werner Klockow), Kameraden (Marius Borghoff, Imanuel Humm) und verflossenen Geliebten (Jennifer Böhm) hadert. Von der Tochter, die den Militärdienst verweigert, bis zum Vater mit dem Holocaust-Trauma.

Moskowitz reibt seine Geschichte kritisch an den zehn Geboten und stellt seinem Helden – Marco Gebbert spielt ihn zwischen großem Jungen und Berserker – dafür eine gewitzte Eselin (herrlich vorwurfsvoll präsent: Jessica Ohl) zur Seite. Das sorgt für einen witzig ironischen Schlagabtausch in Sachen Moral, Holocaust und Nahostkonflikt. Und wirft heikle Fragen auf – nach der Vergleichbarkeit, danach, ob die Opfer von einst zu Tätern geworden sind.

So dekliniert Moskowitz im wortreichen Disput anhand der Gebote und Familienmitglieder die Versatzstücke israelischer Identität durch – und entfernt sich dabei ziemlich vom anfangs angerissenen Thema. Dedi Baron, gern gesehener Regie-Gast in Kiel, fängt das in ihrer mal handfest, mal poetisch flirrenden Inszenierung zum Teil wieder ein. Wenn der Kinderchor der Heiligengeist-Gemeinde die Gebote intoniert – als Chor, Mantra oder Mentetekel. Oder wenn sich auf dem Boden ein blutrotes Flickenteppichpuzzle ausbreitet, weil die Kriege im kollektiven Gedächtnis längst ununterscheidbar geworden sind.

Am Ende bleiben zwei Stücke, die jedes für sich stehen - und die dennoch Parallelen und Muster aufscheinen lassen.

Schauspielhaus Kiel. Vorstellungen: 20., 27., 29. April; 6., 12., 21. Mai. Kartentel. 0431/901901, www.theater-kiel.de   

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