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Scheeßel rüstet sich für den „Hurricane“

Musikfestival Scheeßel rüstet sich für den „Hurricane“

Einmal im Jahr tobt der „Hurricane“ durch Scheeßel. Für die kleine Gemeinde bedeutet das Festival Ausnahmezustand. Doch die Bewohner freuen sich schon auf das wildkostümierte Partyvolk. Sie tragen den Ansturm mit Fassung — wie jedes Jahr.

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Festivalbesucher bereiten sich auf die ersten Konzerte auf dem Hurricane-Festival in Scheeßel (Landkreis Rotenburg Wümme) vor.

Quelle: dpa

Scheeßel. Braungefiederte Hühner scharren auf dem Hof von Wolfgang Bassen. Vor dem Haus liegt der Hund gemütlich in der Sonne. Der Lehrling knattert kurz mit dem Traktor vorbei. Dann ist wieder alles still. An diesem Morgen wirkt Scheeßel in Niedersachsen fast wie ausgestorben. Doch das ist nur die Ruhe vor dem Sturm. Von Freitag bis Sonntag werden wieder die feierwütigen Horden einfallen. Wie jedes Jahr. Während des „Hurricane“-Festivals ist Scheeßel im Ausnahmezustand.

Besucher kommen am Freitag (22.06.2012) zum Hurricane-Festival in Scheeßel (Landkreis Rotenburg Wümme). Das Festival vom 22. bis 24.06.2012 ist mit 73.000 Besuchern ausverkauft.

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Mehr als 70 000 Musikfans aus ganz Deutschland werden auf der Motorradrennbahn ab Freitag drei Tage lang feiern — und nicht nur dort. Auch auf den Zeltplätzen geht ordentlich die Post ab und zwar die ganze Nacht. „Wenn der Wind von Osten kommt, haben wir volle Lautstärke“, sagt Bassen. Sein Schweinemastbetrieb grenzt direkt an das Festivalgelände, das auch eins seiner Stoppelfelder einschließt. Dort, wo vergangene Woche noch Roggen stand, bauen Helfer zurzeit die letzten der 24 Kilometer Zaun auf.

„Gerade sind unsere Kampftage“, sagt Matthias Singh. An seinem Gürtel rauscht ein Funkgerät, am Ohr hält er ein Telefon. Gemeinsam mit drei Kollegen organisiert er von einer Containerburg aus den Aufbau auf dem fast 1,4 Quadratkilometer großen Areal. Dort geht es zu wie auf einer Baustelle: Gabelstapler laden Stahlteile ab, Kranwagen heizen über die staubigen Pisten. Kräftige Kerle bugsieren hunderte Toilettenhäuschen an ihren Platz, verlegen Kabel und schrauben an den beiden Hauptbühnen.

Seit Tagen wird auf dem Gelände gewirbelt. Im Ort bekommt man davon nicht viel mit. Doch die rund 13 000 Einwohner rüsten sich schon für den Trubel, der am Wochenende auf sie zukommen wird. Die Supermärkte haben bereits ihre Vorräte aufgestockt. „Ich weiß noch nicht mal, wo ich das alles hinstellen soll“, sagt Ursula Marenke, die die Filiale eines Discounters leitet. Zwei Lastwagen-Ladungen Bier, Chips, Kekse und Grillkohle stapeln sich in ihrem Lager. Während des Festivals ziehen sich die hungrigen und durstigen Schlangen meist durch den ganzen Laden.

Im Rathaus schieben die Mitarbeiter schon seit Wochen Überstunden. Bürgermeisterin Käthe Dittmer-Scheele und ihr Team koordinieren die Zusammenarbeit von Polizei, Feuerwehr und Sanitätern. Sie richten Straßensperren ein und kontrollieren die Rettungspläne. „Ich bin ja quasi die Frau Sauerland von Scheeßel“, meint Dittmer-Scheele. Nach dem Unglück auf der Loveparade, das dem Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland schließlich das Amt kostete, wurde auch das Sicherheitskonzept vom „Hurricane“ überarbeitet. Während des Festivals lässt Dittmer-Scheele ihren Pieper nicht aus den Augen - gebraucht hat sie in bisher aber nie.

Trotz Organisationsstress freut sich die Bürgermeisterin jedes Jahr auf Norddeutschlands größtes Festival. „Die Uhren ticken dann hier anders“, meint sie. Ein Wochenende lang kann sich die kleine Gemeinde im Kreis Rotenburg wie eine Großstadt fühlen. Direkt vor der Haustür treten musikalische Schwergewichte auf, die sonst nur auf den ganz großen Bühnen stehen. Statt in der Dorfdisco oder auf dem Schützenfest können die jungen Leute bei Bands wie Die Ärzte, The Cure und Sportfreunde Stiller rocken.

Wolfgang Bassens ältester Sohn und seine beiden Lehrlinge wollen sich das natürlich nicht entgehen lassen. Der Bauer und seine Frau werden das Festival dagegen hauptsächlich aus ihrem Garten verfolgen - akustisch. Bassen wird sich aber wohl wie jedes Jahr aufs Fahrrad schwingen, um vom Zaun aus einen Blick auf die Festivalgänger in Gummistiefeln, Tierkostümen und aus Müllbeuteln gebastelten Regenumhängen werfen zu können. „Die sehen zwar etwas urig aus. Es ist aber immer friedlich“, sagt Bassen.

Urig — das Partyvolk aus Berlin, Hamburg und anderen Großstädten wird wahrscheinlich ähnlich über Scheeßel denken. Doch für ein Wochenende spielt das keine Rolle. Ob Stadt oder Land, alle feiern zusammen.

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