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Schimmelpfennigs "Wintersonnenwende" in Kiel Sie zeigen es überdeutlich

Weihnachtsfest – Harmonieübung in Sachen Familienfrieden, oft vom Scheitern gekennzeichnet. "Wintersonnenwende" von Roland Schimmelpfennig macht daraus eine Konversationskomödie. Doch Titus Georgi, zum zweiten Mal Gastregisseur am Kieler Schauspiels, steigert sie zu einer krassen, groß ausgestellten Groteske.

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Auf dem vorweihnachtlichen „Spielplatz“: Szene mit Rudolph (Werner Klockow), Bettina (Yvonne Ruprecht), Corinna (Claudia Macht), Albert (Oliver E. Schönfeld) und Konrad (Imanuel Humm)

Quelle: Struck

Kiel. Am Anfang, am Vorabend zum Fest: „Albert und Bettina mehr als gereizt“ steht im Textbuch. Denn Schimmelpfennig hat nicht nur Dialoge geschrieben: Regieanweisungen, Großaufnahmen, Schauplatzwechsel, Befindlichkeiten, Bild- und Tonbeschreibungen, Tonangaben, Zeitsprünge, Rückblenden. Wüsste man nicht, dass das Stück im Auftrag des Stockholmer Dramaten entstand, könnte man es für ein Drehbuch halten.

 Es wird nämlich alles mitgesprochen, selbst die Uhrzeiten der Chronologie. Und so konkurrieren Bettina und Albert – Yvonne Ruprecht und Oliver E. Schönfeld – als Schnellsprecher an der Rampe der Studiobühne: rein in die Rollen, raus aus den Rollen und wieder rein. Aha! Verfremdungseffekt wie bei Brechts Epischem Theater. Doch spätestens, wenn sich Corinna, Bettinas Mutter, meldet, ist Schluss mit ernst, aber auch mit lustig. Denn die Dame klingt rau und grob. Und Claudia Macht stellt sie vehement als verwelkte, aber üppig aufgedonnerte Blondine auf die Bühne.

 So unrealistisch ist es sicherlich gemeint, denn auch Anika Marquardts Raum zeigt kein kultiviertes Wohnzimmer, sondern einen Spielplatz: in der Mitte ein Karussellplateau, auf dem später eine deckenhohe Weihnachtspyramide errichtet wird. Vorerst aber herrscht am Vorabend des christlichen Festes Betriebsamkeit: Keiner mag den anderen. Lieb hat das Ehepaar nur den jeweiligen Seitensprung: Albert die Kleine aus dem Büro, Bettina den erfolglosen Maler Konrad. Den lässt Imanuel Humm später kernig und anzüglich mit einem Pinsel herumfummeln.

 Noch ist das alles harmlos. Bis Rudolph auftaucht, Corinnas zufällige Zugbekanntschaft. Den schmiert Werner Klockow dermaßen geschmeidig als eleganten Hochstapler und verlogen charmanten Heiratsschwindler ins Geschehen, dass man den falschen Fuffziger sofort ahnt. Mehr noch: Der Mann kommt aus Paraguay, gibt vor, Arzt zu sein, faselt von neuer Weltordnung und anderen irgendwie verdächtigen Ideologien. Der hat braunen Gestank am Stecken. Das wird Gewissheit, lange bevor Albert in ihm einen Wiedergänger des Ausschwitz-Arztes Mengele zu erkennen glaubt. Und von ihm „Saujude“ genannt wird. Da knallt’s.

 Denn Titus Georgis Regiekonzept bevorzugt das Überdeutliche und verzichtet zunehmend auf Realitätsnähe. Immer weiter entfernen sich seine Figuren von Abbildern von Menschen der bürgerlichen Gesellschaft. Stetig steigert sich ihr Spiel ins drastische Kasperle-Theater. Darin gelingt einem raffinierten Verführer ein fauler Zauber: Gehirnwäsche für alle. Bloß für Albert nicht, denn der schwächelt. Gewiss lässt sich aus Schimmelpfennigs Text genau diese Botschaft lesen. Aber ob es zu deren Verständnis Titus Georgis lauter und greller Darbietung bedarf, ist eine andere Frage. Im Zweifel: Geschmacksache.

  Weitere Termine: 11., 16., 22. März; 2., 3., 21. April; Kartentel.: 0431-901901; www.theater-kiel.de

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