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Tschaikowsky im Fokus

Schleswig-Holstein Musik Festival Tschaikowsky im Fokus

Heiß geliebt und als allzu sentimental verachtet: An Peter Tschaikowsky scheiden sich bis heute die Geister. Die aus Kiel stammende, an der Kieler Universität promovierte und an der Universität Oldenburg forschende Musikwissenschaftlerin Dr. phil. habil. Kadja Grönke setzt sich als Gründungs- und Vorstandsmitglied der Tschaikowsky-Gesellschaft schon lange für den russischen Komponisten ein.

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An Peter Tschaikowsky scheiden sich bis heute die Geister.

Quelle: Sergei Chirikov/dpa

Lübeck. Am 10. und 11. Juli, kurz vor Eröffnung des Schleswig-Holstein Musik Festivals mit seinem Tschaikowsky-Schwerpunkt, wird man sie vermutlich in Lübeck bei der Eröffnung der Ausstellung „Tschaikowsky und Brahms“ (Villa Eschenburg) und einem Tschaikowsky-Symposium (Behnhaus) antreffen.

Frage: Wogegen muss die Tschaikowsky-Forschung immer noch am stärksten ankämpfen?

Zu leicht wird übersehen, dass die Ausdrucksintensität von Tschaikowskys Musik an hochkomplexe innermusikalische Strukturen gebunden ist. Gefühle nicht mit Oberflächlichkeit oder mangelnder Seriosität gleichzusetzen, sondern Tschaikowskys Kompositionen in ihrer Verbindung von Emotion und formalem Anspruch ernstzunehmen, bleibt ein Appell an alle, die sich mit Tschaikowskys Musik beschäftigen – auch an diejenigen, die sie ablehnen.

 Was halten Sie für die größte Errungenschaft der Tschaikowsky-Gesellschaft und -Forschung der vergangenen Jahre?

 Die größte „Errungenschaft“ ist sicher die gewachsene Akzeptanz von Tschaikowskys Musik durch die westliche Musikwissenschaft. Als 1993 die Tschaikowsky-Gesellschaft gegründet wurde, ging es zunächst darum, in Publikationen und Vorträgen die vielen nur auf Russisch zugänglichen Quellen zu Leben und Werk im Westen bekanntzumachen und auszuwerten. Darüber hinaus waren wir bestrebt, einen Austausch zwischen der russisch-sowjetischen Musikforschung und einer von westlichen Fragestellungen getragenen, werkanalytischen und editionsphilologischen Zugangsweise anzuregen und gleichzeitig westliche Vorbehalte gegenüber dem Komponisten abzubauen. All das ist inzwischen auf eine Weise Realität geworden, die Ende des 20. Jh. nicht annähernd absehbar war. Wir freuen uns, mit unserer Arbeit zu dieser Internationalisierung von Forschungsperspektiven beigetragen zu haben.

 Wie bewerten Sie den Tschaikowsky-Schwerpunkt des SHMF?

 Für jemanden, der das SHMF von seinen ersten Tagen an hörend begleitet hat, ist die Entscheidung, an die Stelle von Länderschwerpunkten eine Kombination von Interpreten- und Komponistenschwerpunkt zu setzen, eine interessante Perspektive. Denn ein Festival vom Rang des SHMF kann vieles bewegen – nicht zuletzt für die Vermittlung wissenschaftlicher Forschung an ein breites Publikum. Mit dem Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck hat das SHMF einen Kooperationspartner gefunden, der diesen Transfer zwischen Forschung, Musikliebhabern und Künstlern mit Leben erfüllt.

 Über den fruchtbaren Kontakt zwischen Brahms-Institut und Tschaikowsky-Gesellschaft hinaus hätte ich mir freilich auch auf Seiten der SHMF-Verantwortlichen ein wahrnehmbares Interesse an der Arbeit der Tschaikowsky-Gesellschaft gewünscht, das Künstlern und Publikum zugute gekommen wäre. Insgesamt aber überwiegt die Freude – vor allem über den klingenden Akzent auf Tschaikowskys Kammermusik oder die Entscheidung, neben dem populären ersten Klavierkonzert auch das zweite und dritte in herausragenden Interpretationen anzubieten. Dass vieles an Tschaikowskys Oeuvre weiter zu entdecken bleibt – für Klavier und Orchester etwa die Konzertfantasie op. 56 und Sophie Menters von Tschaikowsky bearbeitete Ungarische Zigeunerweisen, daneben die Zweite, Dritte und die Manfred-Sinfonie und die Mehrzahl seiner elf Opern –, ist bei einem so komplexen Oeuvre naheliegend und lässt Freiraum für eigene Erkundungen.

 Für die in Lübeck anwesenden Mitglieder der Tschaikowsky-Gesellschaft ist es allerdings betrüblich, im Eröffnungskonzert weder den Komponisten- noch den Interpretenschwerpunkt des diesjährigen SHMF miterleben zu können.

 Was ist für Sie persönlich die größte Stärke des Komponisten Tschaikowsky?

 In einem Land, in dem es vor 1862 keine staatliche Musikausbildungsstätte gab, entschied Tschaikowsky sich erst spät, mit Anfang 20, dafür, die Musik zu seinem Beruf zu machen. Ich habe große Hochachtung davor, wie er mit Selbstdisziplin und oft gegen seine Persönlichkeitsstruktur daran arbeitete, die hohen Ansprüche, die er an seine Musik und an sich selbst stellte, zu erfüllen. Dass dies nicht einfach war und er mehr als einmal mit dem Scheitern rang, ist in seiner Musik als Subtext stets gegenwärtig. Das macht ihn im Sinne Goethes zu einem Menschen, der mit Kräften „immer strebend sich bemüht“ – und dessen Kunst mich weit über ihre facettenreichen Tiefendimensionen hinaus auf elementare Weise berührt.

 Für die Verschwörungstheoretiker und alle, die es werden wollen: Woran starb Tschaikowsky denn nun wirklich?

 Nach allen derzeit bekannten und in großer Zahl vorliegenden Arztberichten und nachprüfbaren offiziellen Dokumenten starb Tschaikowsky an Nierenversagen infolge einer überstandenen Cholera-Infektion. Daran ist nach aktuellem Erkenntnisstand nicht zu zweifeln. Nicht nachweisbar ist allerdings, wie und wo Tschaikowsky sich die Cholera-Infektion zugezogen hat.

 www.tschaikowsky-gesellschaft.de

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KN-online (Kieler Nachrichten)

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Foto: Zwei Paten im Hintergrund: Junge Schlagzeuger des Festivalorchesters mit (hinten von links) Norbert Klause, der Leiterin der Orchesterakademie, Gesine Beck, und Georg Plate (Nordakademie).

Musiker aus 28 Nationen wachsen in diesen Tagen in Büdelsdorf zum Festivalorchester zusammen. Die Orchesterakademie, 1987 von Leonard Bernstein unter dem Motto „Let’s make music as friends“ begründet, ist eine Perle des SHMF.

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