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Experiment im Porzellanladen

Schloss Gottorf Experiment im Porzellanladen

Schloss Gottorf eröffnet eine Schau mit zeitgenössischer Keramik. Zu sehen sind Arbeiten von 34 europäischen Künstlern, die klassische Vorstellungen aufbrechen und frei mit dem Medium umgehen.

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Blickkontakt mit dem bösem Hund: Kuratorin Ulrike Ernemann mit einer Arbeit des Westerwaldpreisträgers Matthias Hirtreiter. Rechts die Wandarbeit „Fuck The Plates“ von der Britin Megan Randall.

Quelle: Marco Ehrhardt

Schleswig. Europäische Keramik? Da findet sich einiges in der Sammlung von Schloss Gottorf. „Aber, das, was wir jetzt zeigen, ist anders als alles, was wir haben“, verspricht Kirsten Baumann, Direktorin des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte. In der Tat hat bürstet die Ausstellung gängige Erwartungen formvollendeter Gefäßkeramik gegen den Strich. Denn die junge Kuratorin Ulrike Ernemann versammelt unter dem Titel form. frei – Keramik Europas 34 Positionen von Künstlern aus zwölf Ländern, die klassische Vorstellungen buchstäblich aufbrechen.

Wundersam wogende Korallen aus Porzellan, ein lebensgroßer Hund, der die Zähne fletscht, Teetassen, die keine sind oder handgemachte Knochen – grenzenlos scheinen die stilistischen, thematischen oder handwerklichen Möglichkeiten des Mediums. Die Auswahl rekrutiert sich aus der im vergangenen Jahr gezeigten Ausstellung zum renommierten Westerwaldpreis im Museum Höhr-Grenzhausen, der alle fünf Jahre vergeben wird. Und weil man in Gottorf den Blick lieber auf die gegenwärtigen Tendenzen der Keramik jenseits des Angewandten werfen wollte, hat Ulrike Ernemann den Fokus auf die „provokanten und experimentellen“ Arbeiten gelegt. Auch wenn Schleswig-Holstein dank der Muthesius-Klasse von Kerstin Abraham oder der Stadttöpferei im Fürsthof in Neumünster wahrlich kein Entwicklungsland in diesen Dingen ist, lohnt sich der Gang durch die Ausstellung, die in der Galerie des 19. Jahrhunderts und zum Teil in den historischen Räumen des Schlosses zu sehen ist.

Google-Vase aus Suchmaschinen

Das hat besonders dann seinen eigenen Reiz, wenn zwischen Fayencen eine Glasvitrine „eingeschleust“ wird, die augenzwinkernd mit historischen Vorlagen spielt, wie sie so oder ähnlich auch im Museum ihren Platz haben. Die Google-Vase des Münchners Daniel Michel setzt sich aus acht Bildern aus der gleichnamigen Suchmaschine zusammen, die ein mit Keramikpuder gefütterter 3D-Drucker zu einem farbigen Raumkörper „collagiert“ hat. Das hat Witz und kommt ohne ästhetisch störende Absperrungen mit kräftigen schwarzen Kordeln aus, unter denen die Präsentation einiger anderer Raum- oder Bodeninstallationen in der Ausstellung sichtlich leidet.

Vorsicht sei eben die Mutter der Porzellankiste, sagen die Museumsprofis entschuldigend, die ihre leidvollen Erfahrungen mit Zerbrechlichem haben. Und so kehrt man zurück in die eigentlichen Ausstellungsräume, in der es an visuellen Überraschungen oder erstaunlichen Materialwirkungen nicht mangelt. Bei Sarah Pschorn zum Beispiel, die ihre neobarocken Potpourri-Vasen mit blauen Wellensittichen krönt oder statt kunstvoller Blütendekors einfach Styroporchips aufklebt, die vom DHL-Paket übrig geblieben sind. Sie ist eine der wenigen, die das Gefäß, wenngleich wüst ironisiert, zum Thema machen. Die anderen Teilnehmer sind als Bildhauer oder Konzeptkünstler unterwegs. Wie der Österreicher Daniel Wetzelberger, der aus Porzellan knochengleiche Gebilde formt und sie zum ordentlichen Rechteck am Boden auslegt. Der Trugschluss, das Gemachte, interessiert auch die beiden spanischen Keramikerinnen, die unter dem Label „Peephole“ firmieren und Porzellan-Popcorn aus der den Box auf den Boden schütten. Oder die Dänin Heidi Hentze, die ihre hauchdünnen wabenartigen Porzellanobjekte bis an den äußersten Rand der Fragilität treibt. „Grundvoraussetzung für solchen freien Umgang mit dem Material“, so die Kuratorin Ulrike Ernemann, „bleibt die Beherrschung des Handwerks.“ Künstler wie der Südkoreaner Kiho Kang, der in einem Raum mit holländischen Wandfliesen des 19. Jahrhunderts zur Teestunde gedeckt hat, stellen diese Materialbeherrschung unter Beweis. Im Begleitheft heißt es dazu, dass sich Formen und Aussagen im Blickwinkel des Betrachters verändern können. Seine Teeschale ist keine Teeschale, sondern die Idee davon. Spannend.

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