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Harry Rowohlt gestorben

Schriftsteller und Übersetzer Harry Rowohlt gestorben

Harry Rowohlt gehörte zu den bekanntesten Stimmen der deutschen Literatur. Jetzt ist der Schriftsteller und Übersetzer von „Pu der Bär“ mit 70 Jahren in Hamburg gestorben.

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 Harry Rowohlt ist im Alter von 80 Jahren gestorben.

Quelle: Björn Schaller (Archiv)

Hamburg. Mannomann, konnte der reden. Palavern, plaudern, Döntjes erzählen, Sottisen über Gott, die Welt, Freunde, Feinde und Konkurrenten verbreiten und kalauern, was das Zeug hält. So beschrieb unser Rezensent Hannes Hansen 1998 nach der Lesung im Kulturviertel das Phänomen Harry Rowohlt. Der Wortvorrat des Hamburger Multi-Talents war legendär und reichte gern auch für drei- bis vierstündige Sitzungen, begleitet von einem angemessenen Quantum irischen Whiskys, Bügelflaschen-Bier und einer Packung filterloser Gauloises.

So exzessiv ging das in den letzten Jahren nicht mehr; eine unheilbare Nervenkrankheit zwang Rowohlt seit 2007 zum Alkoholverzicht – und ohne den gab es zunächst auch kein Vorlesen mehr. Ach was: Vorlesen. Harry Rowohlt hatte daraus ja längst seine eigene Kunst gemacht. Mit dieser knarzigen Stimme, die brummte und brüllte, summte und slammte. Und mit diesem beispiellosen Hang zur Abschweifung, der Flann O’Brien, seinen erklärten Lieblingsdichter, Sean Silversteins Kindergedichte, Frank McCourts Asche meiner Mutter oder was Rowohlt sonst noch alles von Wenedikt Jerofejew bis Andy Stanton lesend geliebt hatte, stets auch als Stichwortgeber nahm. Ausgangspunkt zum Weiterdenken, -erzählen, -spinnnen. Zum Kalauern. Zum Herumkramen in der eigenen Lebensgeschichte oder dem Fundus der Literaturgeschichte. So oder ähnlich muss auch Pooh’s Corner entstanden sein, die legendäre Zeit-Kolumne, in der Harry Rowohlt in die Rolle des „Bären von sehr geringem Verstand“ schlüpfte und in den 80ern die Gegenwart kommentierte. Geistreich, komisch, unsterblich.

Aus der Dauerserie Lindenstraße kennt ihn ja jeder; da gab Rowohlt lange Jahre den Penner Harry – weil er einmal auf die Frage einer Zeitschrift nach seinem Lieblingsrestaurant vom „Akropolis“ in der „Lindenstraße“ gesprochen hatte. Bekannt geworden aber ist der Sohn von Verleger Ernst Rowohlt (Jahrgang 1945), der sich nach einem kurzen Gastspiel als Verlagsvolontär aus dem Geschäft des Büchermachens verabschiedete, 1971 mit der Übersetzung von A. S. Neills Kinderbuch Die Grüne Wolke. Die schaffte es damals sogar in die Spiegel-Bestseller-Liste. Als Stimme von Winnie the Pooh ist Rowohlt außerdem schon zu Lebzeiten unsterblich geworden, wie überhaupt als der geniale Übersetzer, der sprachlichen Feinsinn mit unkonventionellen Übertragungen versetzte. Dafür gab es immer wieder Ehrungen, darunter den Deutschen Hörbuchpreis und 2005 den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für Rowohlts Gesamtwerk. „Harry Rowohlt war der erste Übersetzer, der auf dem Cover eines Buches erschienen ist“, so einmal seine Übersetzer-Kollegin Ruth Keen. „Weil er so gut, so genial ist, hat er Freiheiten, die andere nicht haben.“

2009 legte der Büchermensch wieder los mit dem Vorlesen. Und weil die Lesungen fortan nur noch von einer Flasche Wasser begleitet wurden, nannte er sie einfach „Betonung ohne Schausaufen“. Schließlich hatte er immer schon fein unterschieden zwischen Alkoholiker (der ist krank) und Säufer (der nicht). In Kiel ist Harry Rowohlt oft gewesen, früher im Kulturviertel in der Stadtgalerie, die damals noch im Sophienhof residierte. In den letzten Jahren immer wieder als Stammgast von Andrea Jung im Metro-Kino. Löwenmähnig, rauschebärtig, ein Bühnentier in Jeans-Uniform. Oft musste er zwei Abende hintereinander lesen, weil die Fangemeinde an einem Abend allein nicht unterzubringen war. Die letzte im Jahr 2013 musste er krankheitsbedingt absagen.

Nun ist Harry Rowohlt nach langer schwerer Krankheit in Hamburg-Eppendorf gestorben. Was bleibt, ist neben etlichen Hörbüchern und rund 200 Übersetzungen Rowohlts erklärte Lieblingstugend: „Sagen was man denkt. Und vorher was gedacht haben.“

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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