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Szenen einer Ehe im Schauspielhaus

Schumann-Abend in Kiel Szenen einer Ehe im Schauspielhaus

Wie könnte es gewesen sei? Es ist ein Versuch der spekulativen Musikgeschichtsschreibung, den Julia Anslik, Heike Wittlieb und Leo Siberski am Sonntagabend im ausverkauften Studio des Kieler Schauspielhauses unternehmen.

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Arm an Requisiten, reich an Farbenglanz: Clara Schumann (Heike Wittlieb) begibt sich in Julia Ansliks Inszenierung auf die Reise zu ihrem todkranken Mann.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Die Zuschauer erleben einen szenischen Liederabend, der um die Frage kreist, was in Clara Schumann vorgegangen sein mag, während sie am 21. Juli 1856 auf dem Weg zur psychiatrischen Anstalt in Endenich war, um ihren todkranken Mann zu besuchen. Tatsächlich war der zu diesem Zeitpunkt bereits gestorben. Doch dies wusste die Witwe nicht, die in Ansliks Inszenierung vor ihrer Ankunft noch einmal das gemeinsame Eheleben Revue passieren lässt.

Man blickt somit gewissermaßen in einen gedanklichen Innenraum, den die Regisseurin und Raumgestalterin gemeinsam mit Joachim Mohr (Lichtgestaltung) tatsächlich wie eine Blackbox aussehen lässt. Im Hintergrund des größtenteils nachtschwarzen Studios symbolisieren acht strahlende Neonröhren ein Zugfenster, vor dem Clara Schumann (Heike Wittlieb) auf einer ebenfalls abstrahierten Abteilbank Platz nimmt. In den Händen hält sie ein Reisetäschchen und einen Blumenstrauß. Dies sind auch schon fast alle Requisiten der bis auf die Knochen reduzierten Regiearbeit, die ihren Farbenglanz durch andere Mittel erhält.

Denn das inhaltliche Kernstück des Abends bildet der Briefwechsel zwischen den beiden Eheleuten, in deren Beziehung später noch Johannes Brahms eine besondere Rolle spielt. Kiels ehemaliger 1. Kapellmeister Leo Siberski lässt aus dem Off mit atmosphärischen Klängen unterlegte Auszüge aus dieser Korrespondenz erklingen. Im Gewirr der Stimmen zeichnen sich zentrale Themen ab: die beiderseits euphorisch beschriebene Liebe zwischen Clara und Robert, die durch letzteren forcierte Beschränkung der hochbegabten Pianistin und Komponistin auf die Rolle der Hausfrau, ihr mögliches Liebesverhältnis zu Brahms, das krankheitsbedingte Ende der Ehe. Heike Wittlieb setzt diese Motive szenisch mit sparsamen Gesten um, lächelt verzückt, wenn sich Clara an die ersten Liebeswonnen erinnert und schreckt zusammen, wenn sie ihr über die Schultern gezogenes Kostümoberteil an die Zwangsjacken der Nervenheilanstalt erinnert.

Den Hauptakzent setzt die Sopranistin auf die Lieder des Schumann-Paares und Johannes Brahms’, die stimmig zu den verlesenen Briefauszügen in Bezug gesetzt werden. Wittlieb singt sie mit gereiftem und gläsern timbriertem Sopran. Dabei greift sie die in den Liedern dominierenden Affekte eher in toto auf, als sich im Feintuning der einzelnen Gedichtzeilen zu verlieren. So erinnern diese romantischen Kunstlieder entfernt auch an barocke Arien, was zur Statik der Inszenierung ebenso passt wie zu Siberskis angenehm durchsichtigem Klavierpart, zu dem überdies die portionsweise servierten Geistervariationen Robert Schumanns gehören. Dessen von Wittlieb in stiller Andacht vorgetragene Widmung bildet den stimmigen Schlusspunkt am Ende eines von großem Applaus und Bravi begleiteten musikalischen Kammerspiels.

Nächste Aufführungen am 2. und 15. Dezember, 20.30 Uhr, im Studio im Schauspielhaus. Karten-Tel. 0431/901901

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