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Nischen im Kunstbetrieb

Boskamp-Stiftung Nischen im Kunstbetrieb

„Hier kann ich Sachen ausprobieren, von denen ich selber noch nicht weiß, was draus wird“, sagt Sebastian Stein und steht entsprechend lässig da. In entspannter Grundhaltung mitten in der hohen Ausstellungshalle der Arthur Boskamp-Stiftung, wo sich die Überbleibsel der Eröffnungsperformance mit dem programmatischen Titel Freiheit auf dem Kopf zu einer zugegeben recht spröden Ausstellung formieren.

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Der neu Gastkurator im M1 in Hohenlockstedt: Sebastian Stein.

Quelle: Marco Ehrhardt

Hohenlockstedt.  Ausstellung? Gymnastikbälle sind scheinbar zufällig auf dem Boden verteilt, ein Pavillon aus bunt beklebten Metallstangen steht mitten im Raum, Schnipsel liegen herum. Jemand hat offenbar mit Spielgeld-Banknoten und goldenem Konfetti um sich geworfen, und ganz oben von der Galerie baumelt ein grünes Plastiknetz. Im Altbau dann tatsächlich eine architektonisch anmutende Skulptur aus Pressspanplatte mit Grünpflanzen und im Erdgeschoss wildwuchernde Collagen und große Aufsteller mit Zeichnungen von Handhaltungen.

 Erwartungen will der neue künstlerische Leiter des M1 in Hohenlockstedt eben nicht erfüllen. Der 37-jährige, der in München zuhause ist, formuliert es anders, setzt auf die „Hoffnung, den Zwischenraum zu treffen“. Gemeinsam mit der Gruppe No Future Komplex hat er zehn Tage lang im M1 gearbeitet. Intensiv. Das Ergebnis klingt in der Beschreibung danach wie eine Mischung aus Christoph Schlingensief, Fluxus, Punk und Living Theatre. Jetzt ist diese Energie aber allenfalls ausschnitthaft in Videos nachzuempfinden.

 No Future Komplex, das sind neben Sebastian Stein zurzeit drei weitere Künstler aus Wien und München, die an Phase eins der neuen Gastkuratorenschaft mitgestrickt haben. No Future Komplex, das klingt schwer nach Verweigerung. Wunscherfüllung Fehlanzeige, auch was die Autorenschaft des Kunstwerks angeht, denn die wird bewusst verwischt. Kein Platz also für Ego-Shooter im No Future-Team. „Wir wissen eben, was wir nicht wollen“, sagt Sebastian Stein mit Blick auf die „immer gleichen Formate und Präsentationsformen“ des Kunstbetriebs. Ja, schon, auch er sei Teil dieses Kunstbetriebs, räumt Stein ein, aber immerhin gäbe es in diesem Kunstbetrieb tatsächlich Nischen, Freiräume für Experimente, wo Output sein darf, aber nicht muss. Wie die Boskamp-Stiftung, die den Mut gehabt habe, seine Bewerbung anzunehmen und ihn einfach machen zu lassen.

 Stein will im M1, diesem Kunstort, „der in Hohenlockstedt wie ein Ufo gelandet ist“, Leute zusammenbringen und die sollen auch Spaß haben. „Regeln gibt es“, sagt Stein, „aber die wollen wir uns lieber selbst setzen.“ Das nächste Team hat er mit Anna Zwingl, Fabian Hesse, Andreas Nachtmann und Dineo Bopape schon beisammen. Anfang Juni werden sie im M1 zusammenleben und ihr Projekt entwickeln. Als Kurator sieht sich Stein auch in diesem Prozess nicht, eher als Ermöglicher. „Ich will weg von diesem konzeptuellen Gedenke“, sagt er und setzt uns Kuchen vor, den die Landfrauen zur Eröffnung gebacken haben. „Das ist schon ein schräger Ort“, sagt der Nichtkurator, „ich nehme ihn so, wie er ist. Und das Gute daran: Hohenlockstedt sei nicht Berlin: „Abends muss kann man nur zuhause bleiben. Ablenkung gibt es hier nicht.“

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