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Teatime mit Leiche: "Le Prophète"

Deutsche Oper Berlin Teatime mit Leiche: "Le Prophète"

Auf der Bühne der Deutschen Oper Berlin ist mächtig was los. Giacomo Meyerbeers „Le Prophète“ dauert immerhin viereinhalb Stunden, und die müssen auf spannende Weise bebildert werden. Dem französischen Star-Regisseur Oliver Py ist zu dieser Oper eine Menge eingefallen.

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Der Tenor Gregory Kunde als Jean de Leyden.

Quelle: Bettina Stöß

Berlin. Regisseur Py empfindet das Libretto und die Musik als hochaktuell und will das auch zeigen. Dass religiöser Fundamentalismus meistens aus sozialem Elend heraus entsteht, das zu demonstrieren mit seiner Inszenierung ist ihm ein wichtiges Anliegen.

   Und so zeigt er dann auch die soziale Notlage der Bevölkerung in krassen Bildern. Bereits der einleitende Chor wird von Menschen gesungen, denen Leid und Entbehrungen ins Gesicht geschrieben sind. Der Graf Oberthal erscheint in einem Mercedes, stellt sich auf das Dach desselben und „regiert“ von dort aus – zynischer geht's nimmer! Wenn ihn dann die hübsche Berthe um Erlaubnis bittet, den jungen Schankwirt Jean de Leyde heiraten zu dürfen, wird sie vom Grafen brutal vergewaltigt. Py zeigt das in schrecklichen, realistischen Details, um Berthes Wandlung vom braven Mädchen zu einer nach Rache dürstenden, radikalen Frau zu begründen. Auch Jean, ihr Geliebter, ist von diesem brutalen Akt traumatisiert und deswegen bereit, an der gesellschaftlichen Ordnung etwas zu ändern. Damit ist er offen für die Radikalisierung zum religiösen Fanatiker. Er lässt sich nur allzu gerne einreden, dass er etwas ganz besonderes ist, dass er berufen ist, „König der Wiedertäufer“ zu sein. Meyerbeer und auch Py schildern auf eindringliche Art, wie aus einem „normalen“, nüchtern denkenden Mann zunächst ein an der „Wiedergeburt“ Zweifelnder und dann schließlich ein religiöser Fanatiker werden kann. Das ist natürlich ein topaktuelles Thema, das Py nicht im Münster der Wiedertäufer von 1534, sondern im zwanzigsten Jahrhundert spielen lässt. Sein Bühnenbildner Pierre-André Weitz hat Häuserkulissen gebaut, wie man sie in der Banlieue von Paris oder auch in Berlin sehen könnte. Auch die Kleidung und die aufreizende Reklame verweisen auf das letzte Jahrhundert.

   Schon 1849, dem Jahr der Uraufführung des „Propheten“ in Paris, sah man in dieser Oper ein Spiegelbild der Revolution schlechthin und in dem „König der Wiedertäufer“ das Sinnbild des verführten Führers, der Machtmissbrauch rächen will und dann selbst seine Macht missbraucht. Wie skrupellos und willkürlich Despoten und Tyrannen mit ihren Untertanen, mit dem Volk umspringen, zeigt Py sogar in dem berühmten, für das damalige Paris obligatorischen Ballett „Les Patineurs“. Auf der sich schnell drehenden Bühne werden zahllose Szenen von Vergewaltigungen und anderen Brutalitäten gezeigt. Halbnackte und manchmal auch ganz nackte Männer machen in den Ruinen hässlicher Häuser Jagt auf Mädchen, ein Auto brennt lichterloh. Zu einer solchen Orgie an Gewalt hübsche Ballettmusik zu hören, ist ein Erlebnis von ganz besonderer Art.

   Die Deutsche Oper Berlin kann sich glücklich schätzen, in dem amerikanischen Tenor Gregory Kunde einen Jean de Leyden gefunden zu haben, der allen enorm hohen Anforderungen seiner Rolle geradezu mühelos entspricht. Nicht weniger anspruchsvoll ist die Partie der Fidès, Jeans Mutter. Die Französin Clémentine Margaine bewältigt diese mörderische Rolle mit ihrem warmen, voluminösen  Mezzosopran ohne Schwierigkeiten. Die weniger große Partie der Berthe wird von der Sopranistin Elena Tsallagova durch ihre intensive Darstellung aufgewertet. Lob auch für Derek Welton, Andrew Dickinson und Noel Bouley als Zacharie, Jonas und Mathisen, jene finsteren Wiedertäufer, die das Volk zur Revolte anstacheln. Enrique Mazzola dirigiert das Orchester und den großen Chor der Deutschen Oper mit gewohnter Souveränität.

   Wer nun nach so viel „action“ und sensationellen Bühneneffekten auch noch die im Schlussbild des Librettos vorgesehene, gewaltige Explosion des Palastes erwartet, muss sich mit der Selbsterschießung der Jean zufrieden geben – die Explosion gibt es nur auf einem Plakat. Neben der Leiche des „Königs“ steht plötzlich ein feiner Herr, der sich eine Tasse Tee reichen lässt und mit einer Handbewegung verrät, dass jetzt neue Saiten aufgezogen werden. Was für eine Antiklimax!

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