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Shakespeare und kein Ende

Salzburger Osterfestspiele Shakespeare und kein Ende

Der für Salzburg im Frühjahr so typische Schnürlregen ist diesmal ausgeblieben, statt dessen meinte es die Sonne gut mit der Stadt an der Salzach und sorgte für angenehme Temperaturen. Ein schöner Rahmen für die Osterfestspiele, die diesmal mit Werken wie Verdis "Otello" ganz dem Dichter Shakespeare verpflichtet sind.

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Ein schwarzer Engel mit Verdis Otello bei den Salzburger Osterfestspielen.

Quelle: Forster

Salzburg. Die Ausflugslokale auf dem Mönchsberg und dem Kapuzinerberg waren überfüllt und auch an beiden Ufern der Salzach tummelten sich Hunderte von Touristen. Die auf den Märkten in fröhlichen Frühlingsfarben angebotenen Palmbuschen, die jeder echte Salzburger zum Palmsonntag kauft, schmückten das muntere Treiben in den Gassen mit zusätzlichen Farbtupfern. Die Eröffnung der Osterfestspiele im Großen Festspielhaus hätte unter keinen besseren Umständen stattfinden können.

 Auch in diesem Jahr wurde die Staatskapelle Dresden unter ihrem Chefdirigenten Christian Thielemann umjubelt, bei der Oper ebenso wie bei den Konzerten. Man spürt noch immer heraus, wie dankbar das Publikum – und besonders der große Verein der Förderer – dafür ist, dass sich Thielemann vor drei Jahren bereit erklärte, mit seiner Staatskapelle die 1967 von Herbert von Karajan gegründeten Osterfestspiele fortzusetzen, nachdem die Berliner Philharmoniker und Simon Rattle 2012 plötzlich und vollkommen unerwartet ihre Teilnahme aufgekündigt hatten. Viele sehen in diesem Orchesterwechsel sogar einen künstlerischen Gewinn, denn die Staatskapelle zeigt sich des Lobes, mit dem Richard Wagner sie einst bedachte, noch immer für würdig: sie ist tatsächlich eine „Wunderharfe“, unter Thielemann mehr denn je!

 Der 400. Todestag von William Shakespeare bot einen willkommenen Anlass, den großen Barden in den Mittelpunkt des Programms zu stellen. An Kompositionen, die von ihm inspiriert worden sind, ist wahrlich kein Mangel. Allein Giuseppe Verdi hat drei seiner großen Dramen in Musik gesetzt, und jede dieser Opern darf man kongenial nennen. Die Entscheidung fiel auf „Otello“, die vorletzte Oper des „Schwans von Busseto“, wie die Italiener ihren größten Opernkomponisten gerne nennen.

 Der junge Regisseur Vincent Boussard kommt in seiner Inszenierung des „Otello“ für die Osterfestspiele mit einem Minimum an Requisiten aus. Kahle Wände mit einer schwarzen Türöffnung, ein langer Tisch mit Kerzen, große, bis in den Zuschauerraum wehende Segel und das für die Handlung so wichtige Taschentuch der Desdemona in Übergröße, das ist fast schon alles. Boussard liefert mit dieser Inszenierung ein ästhetisches Meisterwerk ab (Kostüme: Christian Lacroix!). Das ist alles hübsch anzuschauen, aber eben auch recht rätselhaft. Will er die Oper als Traum deuten, als Traum der Desdemona? Warum steht das Liebespaar für einen winzigen Augenblick eng umschlungen, bevor der Sturm beginnt? Als Projektionen taucht das Taschentuch, das für Otello der Beweis für Desdemonas Untreue ist, immer wieder auf, ist also von wachsender Bedeutung. Fragen über Fragen. Die Mordszene spielt nicht in Desdemonas Schlafgemach, sondern in einem gleißend hellen Raum. Wenn Otello seine Gattin umarmt, scheint sie an der Umarmung zu sterben, verlässt dann aber das Zimmer – den letzten Kuss kann er ihr nicht mehr geben. Statt Desdemona ist jetzt ein Engel mit abgebrannten Flügeln im Raum. Dieser Angelo – so wird diese vom Regisseur hinzugefügte Figur im Programmheft genannt – hat das Liebespaar während der ganzen Oper begleitet. Warum? Auch seine Funktion bleibt rätselhaft. Man kann also heftig diskutieren über diese Inszenierung, und das ist durchaus positiv!

 Als Desdemona ist Dorothea Röschmann eine Offenbarung. Ihr samten abgerundeter, in den Höhen sicherer und leuchtender Sopran ist perfekt für die Rolle einer bedingungslos liebenden Frau und würde vollkommen Verdis Vorstellung von einer idealen Desdemona entsprechen: „Dies sind Geschöpfe,“ schrieb er an Ricordi, „die für andere geschaffen wurden, unbewusst ihres eigenen Ich!“ Der ursprünglich für die Titelrolle vorgesehene Johan Botha musste relativ kurzfristig von dem argentinischen Tenor José Cura ersetzt werden – eine gute Wahl, wie sich schon gleich bei seinem ersten Auftritt, dem mächtigen „Esultate!“, zeigte. Er hat die richtige „Röhre“ für diese mörderische Partie, die nur von wenigen Heldentenören bewältigt werden kann. Cura gibt sich maßlos in Liebe und Zorn, ist aber auch um Zwischentöne bemüht. Ihm gelingt es, uns, die Zuschauer, zu Zeugen seines psychischen wie physischen Persönlichkeitszerfalls zu machen. Carlos Álvaros ist ein Jago von diabolischen Ausmaßen. Seinem kultivierten Bariton kann er alle Farben der Heuchelei, der Demut und Bosheit abgewinnen und bleibt dabei doch ein Gentleman.

 Christian Thielemann führte seine Sächsische Staatskapelle mit Umsicht durch die vielschichtige Partitur. Er fand den rechten Ton für die Dramatik des stürmischen Auftakts, die Intimität des herrlichen Liebesduetts, die rasende Eifersucht Otellos und Desdemonas tieftrauriges „Lied von der Weide“. Da „stimmte“ einfach alles, und so konnte die grandiose Partitur des „Otello“ in all ihrer Komplexität und ihren emotionalen Ausuferungen zu einem erschütternden Erlebnis werden.

 Es ist gute Karajan-Tradition, der Oper zwei Sinfoniekonzerte und ein Chorkonzert folgen zu lassen. Da macht auch dieses Jahr keine Ausnahme, und natürlich haben beide sinfonischen Programme mit Shakespeare zu tun. Vladimir Jurowski konnte das Publikum mit einer vitalen, und doch sehr poetischen Interpretation von Webers „Oberon“-Ouvertüre begeistern, um dann mit Mendelssohns federleichter „Sommernachtstraum“-Ouvertüre vollends in das Feenreich des Oberon einzutauchen: So filigran und punktgenau kann man diesen Geniestreich des 17-jährigen Mendelssohn selten hören. Höhepunkt des Abends aber war Hans-Werner Henzes Achte Sinfonie, in deren drei Sätzen Episoden aus dem „Sommernachtstraum“, dieser an Liebesirrungen und -wirrungen so reichen Komödie, höchst plastisch geschildert werden – ein Hochgenuss für alle Shakespeare-Fans und Freunde moderner Musik!

 Eine weitere Hommage à Shakespeare kam von Christian Thielemann: In dem von ihm dirigierten Sinfoniekonzert stand nach dem sehr kammermusikalisch interpretierten, vom Publikum umjubelten Tripelkonzert von Beethoven (mit gleich drei weltberühmten Stars: Anne-Sophie Mutter, Lynn Harrell und Yefim Bronfman) Peter Tschaikowskis Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ im Mittelpunkt. Phantastisch, wie er die Gegensätze zwischen den Kampf- und Liebesszenen herausarbeitete, wie er diese von Tschaikowski so meisterhaft auf den Punkt gebrachte Liebestragödie mit atemberaubender Plastizität und ungeheuerlicher Wucht dirigierte! So etwas kann man nur mit einem Toporchester wie den Dresdnern machen!

 Abgerundet wurde die Hommage für den großen Barden mit Manfred Trojans „Four Women from Shakespeare für Sopran und Ensemble“ mit Juliane Banse. Der Komponist wählte für dieses Auftragswerk der Osterfestspiele Originaltexte aus den Dramen, die mitten in das Wesen von Julia, Ophelia, Titania und Lady Macbeth führen.

 Für Kurzentschlossene: Die Osterfestspiele enden am 28. März (Ostermontag). Restkarten unter: 0043/662/8045-361, -362 und www.osterfestspiele-salzburg.at

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