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Auf die Spitze getrieben

Premiere am Landestheater Auf die Spitze getrieben

Schön und Gut. Am Ende liegen die drei Figuren „tot“ auf dem Bühnenboden, die Shakespeare in seinem "Othello" dafür vorgesehen hat. Dieser Umstand allein allerdings macht weder ein Drama noch eine Tragödie. Was wohl auch nie geplant war, denn dem Premierenpublikum im  Theater Rendsburg wurde schnell klar, dass Regisseur Thomas Oliver Niehaus der Sinn nach ganz anderem stand.

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Das Glück ist noch auf ihrer Seite: Othello (Deniz Ekinci, Mitte) mit Desdemona (Neele Frederike Maak).

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Rendsburg. Was wohl auch nie geplant war, denn dem Premierenpublikum im nicht ausverkauften Theater Rendsburg wurde schnell klar, dass Regisseur Thomas Oliver Niehaus der Sinn nach ganz anderem stand.

 Die stark gekürzte Fassung in der gern gespielten Übersetzung von Werner Buhss bedeutete weniger Psychologie mehr Verhältnis, weniger Emotion mehr Verführung, weniger Erzählung mehr Vorführung. Niehaus trimmt das tragische Geschehen konsequent in Richtung einer atemlosen Groteske. Schon das erste Bild zeigt das gesamte Personal als zu psychedelischer Rockmusik ekstatisch zappelnde Spaß-Truppe, deren Empfindsamkeit irgendwann durch Eitelkeit, Oberflächlichkeit und viel Bling-Bling erstickt wurde, und die wohl deshalb so verzweifelt nach Atem ringt. Das mag als werkhistorischer Hinweis auf die Gesellschaft des flirrenden Venedigs zu Shakespeares Zeiten zwar gelten, trägt aber dennoch nicht, um das Drama daraus plausibel abzuleiten.

 Bis auf eine Stellwand, die mit einem Schild versehen, die Handlungsorte Venedig und Zypern markiert, und einem kalten, weißen von einer Metallstange unterteilten Guckkasten, einer klinisch morbiden Bühne auf der Bühne, gibt uns Ausstatterin Lucia Becker dabei auch nicht viel mehr an die Hand. Eines der beherrschenden Themen des Stücks, das Fremde, das Fremdsein und die Fremdenfeindlichkeit treibt Niehaus auf die Spitze. Dass der eigentlich farbige General Othello hellhäutig dargestellt und dennoch – Shakespeare folgend – stets als „der Neger“ tituliert wird, ist seit geraumer Zeit nicht nur auf deutschen Bühnen keine Seltenheit mehr. Die Inszenierung in Rendsburg allerdings ersetzt offenbar ganz bewusst ein Klischee durch das andere und lässt einen durchaus brillant aufspielenden Deniz Ekinci mit wirrem Haar und dickem Schnurrbart zuweilen agieren, als hätten sich der Komiker Sacha Baron Cohen in seiner Paradefigur Admiral General Hafez Aladeen in das Stück verirrt.

 Othello also geht der Intrige seines Adjutanten Jago auf den Leim. Der behauptet, Othellos Frau Desdemona, die Neele Frederike Maak mal als berückend unschuldiges Mädchen, dann als fast verzweifelte Femme fatale interpretiert, würde ihn mit Leutnant Cassio (Simon Keel als gutaussehender Einfaltspinsel), betrügen. Sehr gekonnt, aber eben auch wieder an der Grenze zur Karikatur legt Stefan Hufschmidt den Strippenzieher Jago als Mischung aus Mephisto und Möchtegern-Gentleman Oliver Hardy an. Es kommt, wie es kommen muss, nur eben fühlt man wenig dabei. Als Desdemonas Unschuld ans Licht kommt, richtet Othello sich selber, während Jago seine Ehefrau Emilia (Manja Haueis als im besten Sinne mutige Feministin) umbringt, nachdem diese seinen Plan offenbart hat. Darum herum stehen sprachlos die übrigen, ebenfalls exzellent besetzten, aber irgendwie körperlos gebliebenen Figuren des Stücks: Bianca (Melina von Gagern), Brabantio (Uwe Kramer), der Herzog von Venedig (Ingeborg Losch in Hosenrolle), Rodrigo (Christian Simon), Lodovico (Lisa Karlström ebenfalls in langem Beinkleid) und Montano (Johannes Lachenmeier). Nach anfänglicher Zurückhaltung steigert sich das Publikum dann doch noch zu brausendem Applaus.

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Ein Artikel von
Thomas Richter

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