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Schöpfungsfreude pur

SHMF-Abschlusskonzert Schöpfungsfreude pur

Vergnüglicher Schlusspunkt des 31. Schleswig-Holstein Musik Festivals: Der britische Stardirigent Sir Roger Norrington beflügelte mit dem Festivalchor, dem NDR Elbphilharmonie Orchester und exquisiten Solisten eine amüsant pulsierende Aufführung von Haydns Oratorium "Die Schöpfung" in der Kieler Sparkassen-Arena.

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Freude an Haydns Kunst: Sir Roger Norrington mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester in der Kieler Sparkassen-Arena

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Als vor 30 Jahren der große musikalische Flächenbrand zwischen den Meeren mit Haydns Schöpfung unter Leonard Bernstein in der Ostseehalle begann, rümpften vor allem Hanseaten die Nase: Ungehemmter Applaus auch mal zwischen den Sätzen einer Symphonie oder den Arien eines Oratoriums brachte dem SHMF jahrelang den abschätzigen Spitzennamen „Bauernfestival“ ein. Inzwischen muss ein würdig betagter, aber in Herz und Humorzentrum lebenslustiger Brite kommen, um uns wieder locker zu machen: Sir Roger Norrington schloss sich am Sonntag den frohgestimmten Abschlussreden zum 31. Festival von Ministerpräsident Torsten Albig und Intendant Christian Kuhnt mit der Aufforderung an, man möge doch bitte seiner Begeisterung über Haydns meisterliche Kunst auch zwischendurch freien Lauf lassen. Und so drehte sich der kundige Maestro denn auch nach so manchem Chorjubelsatz oder Solo-Geschwelge auf seinem Drehstuhl zum Publikum, um in Mimik und Gestik zu fragen: War das nicht herrlich?

Und genau das war es auch! Denn der 1934 in Oxford geborene Dirigent kitzelte mit einer nonchalanten Gewitztheit den Esprit aus der Partitur, dass man zumindest im Parkett gar nicht glauben konnte, man befinde sich mit der Sparkassen-Arena in einer letztlich nicht sehr heimeligen Multifunktionshalle unter knapp 4000 Zuhörern. Norrington ließ das NDR Elbphilharmonie Orchester in wechselnd angepasster Größe musizieren, solistisch interagieren, brillieren, dass es eine Freude war. Der Dirigent sorgte für Impulse und muntere Bewegung, buchstabierte aber schlagtechnisch nichts durch. Und wenn dadurch beim Schöpfungsakt am Firmament mal ein paar Sterne kollidierten, dann war das eben so. Wer stolperte sollte halt aufstehen, sein Krönchen richten und frohgemut weitermachen ...

Größtes Vergnügen bereitete dabei der von Nicolas Fink federnd präzise einstudierte Schleswig-Holstein Festival Chor. Die nahezu 150 Sänger klangen nie zu massiv, setzten mühelos Glanzlichter im Sopran, hatten sicher geerdete Männerstimmen und einen feinen Alt, den man in Zukunft im Verhältnis ruhig noch größer und farbkräftiger besetzen könnte. Wie da lange Atembögen in die Ewigkeit gespannt wurden, Koloraturen aufflammten oder ein „Dich beten Erd und Himmel an“ spannungsvoll skandiert wurde, zeugte von hoher textgesteuerter Ensemblequalität.

Ganz ausdrucksstark besetzt auch die Gesangssolisten: Zwar verschob Ekaterina Siurina den Wohnort des Erzengels Gabriel so weit nach Osten, dass ihm Deutsch eine Fremdsprache blieb. Dafür hatte die typisch russisch-metallisch gefärbte Sopranstimme die gewandt gleißende Strahlkraft einer überallhin dringenden Verkündigungstrompete. Und erst die Erzengel-Kollegen Raphael und Uriel! Franz-Josef Selig berichtete spannend und mit maximal prachtvoll schwarzem Bass. Lothar Odinius variierte seinen tollen Tenor von lyrisch schwerelos bis heldisch donnernd. Und er spickte die Partie auch mal mit köstlicher Ironie, die mit dem heiligen Unernst von Norringtons Interpretation bestens harmonierte.

Neben dem allemal guten Adam von Bariton Florian Boesch glänzte vor allem Anna Lucia Richter in dieser Disziplin, wenn ihre Eva naiv über Freuden der Ehe schwärmte (prompt inklusive sittlich warnendem Monty-Python-Fingerzeig des Dirigenten ...!), aber zugleich dem Schwur zu ewiger Unterwürfigkeit ein köstlich aufmüpfiges Fragezeichen unterjubelte. Wenn musikalisch gestreute Blumen dermaßen gut duften, nehmen wir im Agrarland Schleswig-Holstein auch den Titel Bauernfestival in Würde wieder an. Und registrieren Zwischenapplaus und Abschlussovationen für alle Beteiligten.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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