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Britten: Magie und bizarre Komik

Aldeburgh Festival Britten: Magie und bizarre Komik

Seit nunmehr fünfzig Jahren gibt es den wundervollen Konzertsaal Maltings in Snape bei Aldeburgh – wenn das kein Grund zum Feiern ist! Und das tut man ausgiebig mit einem großartigen Festival-Programm, das endlich wieder die Werke des Gründungsvaters Benjamin Britten in den Mittelpunkt rückt.

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Nick Pritchard als Lysander, Clare Presland als Hermia, George Humphreys als Demetrius and Eleanor Dennis als Helena in Brittens "A Midsummer Night's Dream".

Quelle: Hugo Glendinning

Aldeburgh. Als der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard von 2009 bis 2016 Artistic Director des Aldeburgh Festivals war, klagten die zahlreichen Britten-Fans oft über die Vernachlässigung ihres Idols. Das siebzigste Aldeburgh Festival of Music and the Arts aber bietet nicht nur so selten gespielte Werke wie „The Building of the House“, „The Golden Vanity“, „A Hymn to the Virgin“, „Six Metaporphoses after Ovid“ (etc), sondern auch sein Drittes Streichquartett und die beiden Opern „A Midsummer Night's Dream“ und „Billy Budd“.

   Wenn man die kleine, enge, in die Jahre gekommene Jubilee Hall in Aldeburgh kennt, in der 1960 der „Sommernachtstraum“ uraufgeführt wurde, dann kann man verstehen, wie glücklich Britten war, als er im nur wenige Kilometer entfernt gelegenen Snape ein geräumiges, nicht mehr genutztes Malzhaus mit phantastischer Akustik entdeckte. Die Umwandlung in einen Konzertsaal  gelang in kurzer Zeit, und zur Einweihung stellte sich sogar die Queen ein. Obwohl zwei Jahre später ein verheerenden Feuer die Halle bis auf die Grundmauern zerstörte, wurde sie in 46 Wochen wieder aufgebaut und war zum Festival im Juni 1970 fertig. Auch der neue Saal hat eine so vorzügliche Akustik, dass Plattenfirmen hier oft Aufnahmen machen. Inzwischen sind noch viele Verbesserungen hinzu gekommen, so dass man mit Recht stolz sein kann auf das Erreichte. Für die Jubiläumsfeier bietet sich der„Sommernachtstraum“ geradezu an, denn das magische und spukhafte Geschehen der Oper könnte sich jederzeit in der traumhaft schönen, von Wald, Wasser und Wiesen geprägten Landschaft ringsum abspielen.

   Die Regisseurin Netia Jones hat sich für ihre Inszenierung von Benjamin Brittens „Midsummer Night's Dream“ von der zauberhaften Atmosphäre um Maltings herum inspirieren lassen, hat gleichsam die Bäume, Büsche, Käfer, Schmetterlinge und Rehe von draußen auf die Bühne geholt und hat natürlich auch an einen alles überstrahlenden Vollmond am Ende der Oper gedacht. Die Projektionen, für die Netia Jones auch verantwortlich zeichnet, sind weitgehend in schwarz-weiß gehalten, entsprechen also einer mondbeschienenen Landschaft. Zu Beginn des dritten Aktes aber, wenn die beiden unter Bäumen liegenden Liebespaare Lysander / Hermia und Demetrius / Helena von ihren Träumen allmählich erwachen, nehmen die sie umgebenden Zweige und Blätter immer mehr Farbe an, bis sie schließlich in sattem Grün von der Pracht eines neuen Tages zeugen. Ein überwältigend magischer Effekt! Wann immer jedoch die Handwerker im Wald auftauchen, um das Stück „Pyramus und Thisbe“ zu proben, sind, wenn auch nur dezent, verschieden große Zahnräder und andere mechanische Dinge eingeblendet.

   In dieser Produktion ist alles auf niedlich und liebenswürdig getrimmt, ist alles reizend anzuschauen und ein wenig zu harmonisch. Aber in Brittens Musik geht es auch um Abgründiges, und das kommt in dieser Inszenierung nur unzureichend heraus. Es wird nicht deutlich, dass die Feenwelt eben auch eine dämonische Seite hat und dass in den Träumen der Liebenden Grenzüberschreitungen des Bewusstseins stattfinden, die zu wollüstiger Begierde führen können und der Allmacht des Eros ohne die engen bürgerlichen Moralvorstellungen huldigen. In Netia Jones' Inszenierung streichelt Tytania lediglich die Ohren des in einen Esel verwandelten Bottom, als Höhepunkt sexueller Ausschweifungen. Man muss ja vielleicht nicht so weit gehen wie Norbert Abels das in seinem neuen Buch über Britten tut: „Das Stück gibt ein Kompendium durchaus auch abgründiger erotischer Möglichkeiten, eine Dämonologie des Sexus. Seine Magie erlaubt es, dass jedes Lebewesen potentiell dazu in der Lage ist, sich mit einem anderen Lebewesen zu verbinden.“ Mit der Liebkosung von Eselsohren ist es da aber gewiss nicht getan.

   Von den insgesamt hervorragenden Sängern gebührt Iestyn Davies die Krone, denn wie er mit seinem samtenen, gut fokussierten Countertenor den Elfenkönig Oberon ebenso geisterhaft wie  weltentrückt darstellt, ist eine Freude zu hören. Sophie Bevan kann als seine streitsüchtige Ehefrau Tytania mit Koloraturen glänzen, und die durch Oberons Zaubersaft um den Verstand gebrachten Liebespaare werden von Nick Pritchard (Lysander), Clare Presland (Hermia), George Humphreys (Demetrius) und Eleanor Dennis (Helena) springlebendig, quirlig und manchmal auch mit einem gehörigen Schuss Humor porträtiert. Jack Landsbury ist ein Puck von phänomenaler Agilität und atemberaubender Behändigkeit. Er flitzt über die Bühne, schlägt Purzelbaum nach vorne und nach hinten und führt allerlei sonstige akrobatische Kunststücke vor, die ihn als schwerelos erscheinen lassen. Die sechs Handwerker überbieten sich gegenseitig an burlesken Kapriolen, während Matthew Rose als Bottom alle Register bizarrer Komik zieht.   

   Ryan Wigglesworth führt das Aldeburgh Festival Orchestra sicher durch die vier verschiedenen Klangwelten der Partitur, findet für die Elfenwelt mit ihren phantastischen Harfenglissandi und die Liebespaare den richtigen Ton. Die Exzentrik der Handwerker trifft er punktgenau wie auch den nüchternen, Theseus und Hippolyta charakterisierenden Stil. Manchmal aber stimmt die Balance zwischen Orchester und Stimmen nicht. Der guten Akustik in der Maltings Concert Hall ist es wohl zu verdanken, dass die Sänger lauter singen als sie sollten. Das Premierenpublikum spendete enthusiastischen Schlussapplaus.

Das Festival dauert noch bis zum 25. Juni /

www.snapemaltings.co.uk

Telefon: +44-1728-687110

2018 findet das Festival vom 8. bis 24. Juni statt.

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