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Vom Puzzle auf dem Verdi-Spielfeld

Interview mit Francesco Cilluffo Vom Puzzle auf dem Verdi-Spielfeld

Francesco Cilluffo ist der Gastdirigent für die Sommertheater-Produktion von Verdis „Nabucco“ auf dem Kieler Rathausplatz. Der 1979 in Turin geborene Italiener, der sich auch als Komponist einen Namen gemacht und Musikwissenschaft studiert hat, ist längst international zwischen Jerusalem, Wexford, Florenz und Lüttich gefragt.

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Francesco Cilluffo dirigiert die Kieler „Nabucco“-Produktion auf dem Rathausplatz.

Quelle: Nicola Dal Maso

Kiel. Herr Cilluffo, gibt es ein Geheimnis im Umgang mit der „Nabucco“-Partitur des 28-jährigen Verdi?

Anders als später bei „Aida“ oder „Othello“ haben wir ja hier ein wirklich frühes Stadium bei Verdi. Es ist eindeutig noch dem Belcanto zugehörig. Deshalb sind viele Dinge in der Partitur gar nicht genau notiert. Man muss somit als Dirigent viel Ahnung von der Tradition mit hineinbringen, in Fragen der Tempowechsel und der Phrasierungen zum Beispiel. Wenn man dieses Repertoire in meiner Heimat Italien probt, ist all das gleich selbstverständlich da. Hier, genauso aber in Israel oder in England, muss man das erläutern. Man meint ja immer, man könne in unserer Zeit alles nachschlagen im Internet – dies aber ist eine nur von Mund zu Mund transportierte Tradition, von Dirigent zu Dirigent, Orchestermusiker zu Orchestermusiker. Da helfen sonst allenfalls noch alte Einspielungen.

Ein Beispiel?

Beim Einstieg in die Arien steht häufig „piano“, also „leise!“ in der Partitur – aber der Beginn muss stets Forte sein und dann zurückgehen. Als das geschrieben wurde, gab es ja gar keinen Dirigenten. Das wurde vom ersten Geiger, dem Konzertmeister geleitet und benötigte daher den starken Impuls beim Einstieg. Außerdem lohnt es sich, Verdis Briefe zu studieren, da wird oft deutlich, was er wirklich wollte – manchmal entgegen dem, was er in der Partitur geschrieben hatte. Die Einstudierung ist deshalb wie ein Puzzle aus verschiedenen Quellen.

Wie haben Sie sich das Gefühl für solche Traditionen erworben?

Seit ich klein war, lebte ich quasi in dem Opernhaus meiner Heimatstadt Turin, ständig zwischen Sängern und Dirigenten. Und ich habe bei traditionsgeschulten Pianisten und Dirigenten studiert. Du kannst noch so ein guter Dirigent sein, wenn Du nur die Partitur betrachtest, fehlen dir viele Informationen.

Sie haben aber auch in London studiert ...

Gerade in London war das Gute, dass ich viele verschiedene Dinge von ganz verschiedenen Leuten lernen konnte. John Mauceri, Amerikaner mit italienischem Namen, war so eine prägende Figur, den ich schon als musikalischen Leiter der Turiner Oper kannte. Andere waren Gianluigi Gelmetti, Michael Tilson Thomas oder Ivan Fischer; nicht zu vergessen John Eliot Gardiner, der ein hervorragender Verdi-Dirigent ist. Man lernt von allen und muss dann daraus seine eigenen Ideen formen. Das ist eben kein Beruf, den man in einer Schule lernen kann. Man muss aufs Spielfeld!

Sie haben schon einige Verdi-Erfahrung auf dem „Spielfeld“, dirigieren jetzt aber erstmals den „Nabucco“. Die Oper ist vor allem für die Sänger der Hauptpartien harte Arbeit, vor allem für die Abigaille, oder?

 Absolut! Die Oper Nabucco steht genau zwischen zwei stilistischen Phasen der Operngeschichte. Hier deutet sich schon der neue dramatische Stil an, der sich dann bis zum Verismo weiterentwickelt. Die Partie der Abigaille hat es nie zuvor so gegeben, allenfalls deutet sich so etwas in der „Semiramide“ von Rossini an. Verdi liebte den starken, letztlich „larger-than-life“ gezeichneten, weiblichen Charakter. Er war ja selber mit der allerersten Abigaille, Giuseppina Strepponi, liiert. Sie lebten nach Ende ihrer Gesangskarriere zusammen, heirateten aber erst Jahre später. In Italien war das natürlich skandalös. Aber Verdi war begeistert von diesem unbeugsamen Typ Frau, die schon in Nabucco singt: „Ich werde euch schon beweisen, wozu diese Frau in der Lage ist!“ Das führt dann in der Komposition prompt zu einer Gesangslinie, die an die Grenzen des Möglichen führt – ähnlich wie später bei der Lady Macbeth Verdis. Wir können hier sehr froh sein, dass wir überhaupt Sängerinnen engagieren konnten, die dazu in der Lage sind. Im Spätwerk sind es dann die Mezzosoprane wie Eboli oder Amneris, die Grenzen sprengen, weil das Leben ihnen nicht wohlgesonnen war und sie es zu ändern versuchen.

Die Chöre spielen aber auch eine bedeutende Rolle in der Oper.

Zwischen Hoffnung und Zweifel spiegelt sich hier die politische Situation in Italien in der Mitte des 19. Jahrhunderts – nicht nur im Freiheitschor der Gefangenen, der dann ja zur Hymne wurde. Die Italiener haben die Botschaft der Hebräer sofort auf sich selbst unter der Fremdherrschaft der Österreicher bezogen. Verdi war ein Patriot, eine Symbolfigur, später einer der ersten Senatoren im allerersten Parlament. Obwohl er schon viele Katastrophen in seinem eigenen Leben verkraften musste – er hat früh seine erste Frau und zwei Kinder verloren – hat er eines nie aufgegeben: die Hoffnung, dass sich die Dinge doch noch zum Guten wenden. Es gibt eine religiöse Ebene in „Nabucco“, aber nicht im engeren kirchlichen Sinne, denn Verdi stand dem Papst kritisch gegenüber, brachte seine Frau beispielsweise zum Gottesdienst, blieb aber selber draußen ... Vielmehr ist die Ebene eher spiritueller Art. Er glaubte an die Gemeinschaft der Menschen und der Nation, eine Gemeinschaft, die Gutes schaffen kann. Schon die erste Ansprache des Priesters Zaccaria beschwört das Prinzip Hoffnung. Und dei Einzelkämpferin Abigaille erkennt, typisch Oper eben, ihren diesbezüglichen Lebensirrtum erst kurz bevor sie stirbt.

Sie arbeiten auch als Komponist und haben zwei Opern geschrieben. Was können Sie von Verdi lernen?

Man kann unglaublich viel von Verdi lernen, egal, in welchem Stil man komponiert. Vor allem hat er immer ein perfektes Timing zwischen Handlung und Musik. Selbst beim frühen Verdi, der ja selber noch auf der Suche ist und manches aus der Belcanto-Tradition nur entlehnt, gibt es diese Fähigkeit – abgesehen davon, dass er beispielsweise schon in der ersten Chorszene ganz er selbst ist. Er ist ein Theatertier durch und durch, wusste genau, wann und wie Figuren auf der Bühne von einem Platz auf den anderen bewegt werden müssen. Für Aida hat er sogar Zeichnungen angefertigt und die Musik entsprechend komponiert. Zeitgenössische Musik unserer Tage hat oft diese Tuchfühlung mit der Bühne verloren. Nur gute Komponisten suchen auch für die Wege ihrer Figuren die passende Musik, die dann keineswegs nur Dekoration ist. Bei Verdi stimmt der Bogen zwischen Melodie, Dramatik und Handlungsführung.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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