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Von Erdenschwere befreit

Brahms’ Deutsches Requiem in Kiel Von Erdenschwere befreit

Es ist ein Brückenschlag zwischen seiner Hamburger und seiner Kieler Zeit, den Volkmar Zehner am Wochenende in beiden Städten präsentiert. Für die Aufführung von Johannes Brahms’ Deutschem Requiem hat der Kirchenmusikdirektor der Landeshauptstadt den St.-Nikolai-Chor und sein Volksdorfer Vokalensemble Ars Nova zusammengeführt und den Sängern die Kieler Philharmoniker an die Seite gesetzt.

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Volkmar Zehner in der St. Nikolai Kirche in Kiel.

Quelle: Frank Peter/ Archiv

Kiel. Nicht nur wegen des gewählten Werkes, sondern auch hinsichtlich der musikalischen Besetzungsstärke könnte man also von einem Kraftakt sprechen.

Doch dieser Begriff kommt einem in der dicht besetzten St.-Nikolai-Kirche am Sonntag nicht in den Sinn. Stattdessen stellt sich ein stilles Staunen über die Harmonie ein, mit der hier alle Mitwirkenden Brahms’ Totenmesse als die zu Herzen gehende Trostmusik musizieren, die dem Komponisten vorschwebte. Von Erdenschwere weitgehend befreit, entwickelt sich die Musik organisch zwischen Lamentatio und Iubilatio, lässt Zehner Brahms’ Rückgriffe auf die Musikästhetik der Mottete ebenso plastisch hörbar werden wie das romantische Gesamtgefüge des Werks. Auf der Chorebene hat dies trotz des sängerischen XXL-Formats eine beinahe intime Grundstimmung zur Folge, die die Kieler Philharmoniker sensibel mittragen. So atmet die Musik, scheint mitunter sogar innezuhalten, um die Bibelworte wirken zu lassen. Dabei formen die Sänger diese bemerkenswert konturiert aus und zeichnen trotz der vielen wechselnden Affekte mit gedeckten Farben ein insgesamt lineares Klangbild.

Dieser Ansatz passt nicht nur zum Charakter der Komposition, er macht es auch möglich, dass man als Hörer von der Musik neu angefasst wird, wie es bei so bekannten Werken selten ist. Wenn Zehner dann im richtigen Moment einmal ganz auf Lautstärke setzt, entfaltet eine Zeile wie „Denn alles Fleisch ist wie Gras“ unerwartet ihre ganze Erschütterungskraft. Dann glaubt man für Sekunden auf eine graue Steintafel zu schauen, bevor der Chor diese Aussicht mit transparent tönender Sanftmut wieder relativiert.

Mit Meike Leluschko und Tomohiro Takada hat Kiels KMD zwei Solisten für das Projekt engagiert, die dessen Zuschnitt ausgezeichnet entsprechen. Die deutsch-koreanische Sängerin durchdringt ihren Part mit serafisch klar strahlendem und wunderbar geschmeidigem Sopran. Der japanische Bariton lässt als Ensemblemitglied der Kieler Oper auch ein wenig die große Bühne durchhören, singt dabei aber mit metallischer Festigkeit und solchem Ernst, dass sich auch dieses Ausdrucksplus stimmig in das Gesamtgeschehen integriert. Auf die berührende Aufführung folgt ein Moment der Stille, dann Glockenklang – schließlich anhaltender Applaus.

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